Evita am Deutschen Theater: Fast wie im Film

München - Bob Tomsons Inszenierung des Musicals „Evita“, jetzt am Deutschen Theater zu sehen, ist weniger düster als das Original. Eine Premierenkritik:

Es ist noch gar nicht so lange her, dass „Tanguera“ im Deutschen Theater für südamerikanisches Flair sorgte. Und offenbar scheint man damals in Fröttmaning auf den Geschmack gekommen zu sein. Auch die aktuelle Produktion „Evita“ entführt das Publikum wieder unter die wärmende Sonne Argentiniens. Wie in der Tango-Show können auch jetzt in Andrew Lloyd Webbers Musical-Klassiker besonders die Tanzsequenzen überzeugen. Sie wurden von Bill Deamer erdacht und werden von einem energiegeladenen, jungen Ensemble perfekt umgesetzt.

Aber nicht nur mit einer neuen Choreografie wartet die Produktion auf. Waren die Tourneen, die in den vergangenen 20 Jahren mit schöner Regelmäßigkeit im Deutschen Theater Station gemacht haben, mehr oder weniger getreue Abziehbilder der Originalinszenierung, ist diese „Evita“ weniger düster und setzt mit warmen Ockerfarben deutlich mehr auf Lokalkolorit.

Regisseur Bob Tomson orientiert sich eng an der Verfilmung von 1996 und integriert zudem den neuen Song „You Must Love Me“, der hierzulande erstmals auf einer Bühne zu hören ist. Danken wird es ihm unter anderem Hauptdarstellerin Abigail Jaye, die in dieser rührseligen Nummer einen ihrer stärksten Momente hat. Sie ist eine ungewöhnlich junge und stimmlich vielleicht etwas leichtgewichtige Eva Perón, die vor allem die verletzliche Seite der Präsidentengattin einfühlsam darzustellen weiß. So läuft sie auch beim Hit „Don’t Cry For Me Argentina“ zu großer Form auf und erntet dafür verdienten Szenenapplaus. Nur für die eiskalt über Leichen gehende Karrierefrau, die ebenfalls in Evita steckt, fehlt es ihr doch etwas an der nötigen Power, um die Songs mit voller Wucht über die Rampe zu bellen.

Als Mann an Evitas Seite holt Mark Heenehan das Mögliche aus der undankbaren Rolle des Diktators heraus und verleiht ihm mit starker Bühnenpräsenz die nötige Autorität. Dass es ihm darüber hinaus gelingt, seiner ziemlich eindimensional konzipierten Figur sogar noch ein paar menschliche Züge abzutrotzen, gibt den Szenen zwischen Eva und Perón einen zusätzlichen Schub.

Weitgehend auf sich allein gestellt bleibt dagegen Mark Powell als Ché. Sein Partner ist das Publikum, das er mal sarkastisch trocken, mal aggressiv kommentierend durch die Geschichte vom Aufstieg und Fall Evitas führt.

Ein Auftrag, dem Powell mit sichtlichem Spaß nachkommt. Doch ist er nicht nur der kritische Beobachter, sondern lässt dazwischen mit kleinen Gesten und Blicken immer wieder auch Sympathien oder Respekt für die in Argentinien bis heute noch beinahe kultisch verehrte Titelheldin spüren: ein Beweis, dass die faszinierendsten Geschichten wohl immer noch das Leben selbst schreibt – wenn auch manchmal mit etwas Unterstützung von Andrew Lloyd Webber und seiner Kollegen.

Weitere Vorstellungen bis 12. Dezember; Telefon 089/ 55 23 44 44.

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