Rock’n’Roll bis ins Altersheim

München - Das Renaissance-Theater Berlin feierte mit „Ewig Jung“ im Silbersaal des Deutschen Theaters seine München-Premiere.

Wer sich was Gutes tun will, der gehe dieser Tage ins Deutsche Theater München. Unbedingt. Denn was da gerade auf der Bühne zu sehen ist, ist schlichtweg perfekt. Das ist kein abgegriffener Superlativ, sondern wahr.

Perfekt, und das eher unfreiwillig, ist zunächst einmal der Spielort. Weil die Sprühflutanlage die Bühne im großen Saal des Deutschen Theaters außer Gefecht gesetzt hat (noch bis 29. Juli, dann geht der Spielbetrieb mit der Tanzshow „Alvin Ailey“ weiter), haben die Veranstalter das Song-Drama „Ewig Jung“ (zwei Stunden, keine Pause) kurzerhand in den Silbersaal verlegt. Und da passt es noch viel besser hin als in das große Haus. In dieser Kammerspiel-Atmosphäre wirkt’s, als wären wir Zuschauer alle selbst Insassen des Altenheims, in dem sich das irrwitzige Stück abspielt.

Perfekt, auch das: Bühnenbild und Kostümierung. Wir schreiben das Jahr 2061. Das Stadttheater wurde geschlossen und in ein Altersheim für hochbetagte Schauspieler umfunktioniert. Die sechs Alten, die da auf ihren Polstersesseln auf der Bühne sitzen, sind in Wahrheit nicht älter als 50 – doch die hervorragende Maske (Sabine Guthke-Pooch, Franziska Knolle) macht’s möglich: Hier sitzen sechs Greise. Nun, zumindest so lange Schwester Angelika (Angelika Milster als herrlich zynische Möchtegern-Operndiva) im Raum ist. Und mit den aus ihrer Sicht senilen Alten Klatsch-Spielchen veranstaltet. Doch verlässt sie das Zimmer, geht die Party los.

Und hier findet die Perfektion ihre Vollendung; man muss sie alle hervorheben: Herrn Ermer (Harry Ermer), den tattrigen Klavierspieler, der zwar nicht mehr verständlich sprechen kann – dafür aber den Abend über so leidenschaftlich in die Tasten haut, dass die Urne auf dem Flügel wackelt. Dann Herr Landuris (Dieter Landuris), mit Knubbelnase und einem Gesichtsausdruck wie dem von Ruhrpott-Rentner Herbert Knebel. Und Frau Mehrling (Katharine Mehrling), ein Extralob für ihre Darstellung der alten Berliner Rebellin, der man die dritten Zähne charmant anhört, die Tourette-Syndrom-artig die bösesten Schimpfwörter heraushaut – schrullige Alte dürfen das – und allein mit ihrem Mienenspiel den ganzen Saal zum Lachen bringt. Dann natürlich: Herr Dierkes (Timo Dierkes), phänomenal gut als schräger alter Bär, der lieber wie ein Hirsch röhrt als zu reden. Und stets die punktgenaue Pointe liefert. Oder Herr Warns (Guntbert Warns), mit kaputtem Bein, aber umso funktionstüchtigerem Herzen, das er seinem „Liebling“, Frau Mauer (Anika Mauer), geschenkt hat. Während er eine herrlich absurde Zaubershow veranstaltet, darf sie als Assistentin agieren. Verliert dabei ihre Perücke. Und bringt damit mitten in die durchgehend witzig-spritzig-ironisch-freche Inszenierung Ernsthaftigkeit herein: Verletzlichkeit. Wenn sie sich an den Bühnenrand stellt, die Zuschauer fixiert und ihre Version von Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ schmettert, ist das tief berührend, eine eindrucksvolle Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit.

Das Song-Drama, das Regisseur Erik Gedeon einst für das Staatsschauspiel Dresden entwickelt hat und seit fünf Jahren mit dem Renaissance-Theater in Berlin und nun mit selbigen Schauspielern auf Deutschlandtour aufführt, ist Theaterkunst. Die brisanten Themen Altern, Pflege, Sterbehilfe – sie alle werden ungehemmt und vor allem urkomisch beleuchtet. Die Darsteller harmonieren – jawohl: perfekt! miteinander. Hier sitzt jeder Slapstick, jeder Blickzuwurf, jede Berührung. Und vor allem: jeder Song.

Sie beglücken das Publikum mit einem Sammelsurium der Musikgeschichte, da wird der Nerz zur E-Gitarre und die Gehhilfe zum Taktstock. Besonderes Lob für die aberwitzigen Medleys, in denen sich Simon & Garfunkel mit Bob Dylan und Scott McKenzie vereinen. Und am Ende ein Text entsteht, der eines deutlich macht: Sterben müssen wir alle. Nobody wants to live forever. Doch die Zeit, die wir haben, die lasst uns nutzen. Rock’n’Roll bis ins Altersheim. Perfekt.

Katja Kraft

Bis Sonntag

jeweils 19 Uhr, am Sonntag um 18 Uhr im Silbersaal; Telefon 089/ 55 23 44 44.

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