Die ewigen Kindsköpfe

- Erwachsen werden sie nie, die "Drei Schwestern" von Anton Tschechow. Die ungestillte Sehnsucht nach Moskau, dem Ort, an dem sie aufwuchsen, ist nichts anderes als die Sehnsucht nach der Kindheit. Mascha, die Älteste, muss darüber weinen. Sie zieht eine Truhe ins Zimmer; die Kiste der Erinnerung. Wenn sie sie öffnet, entfährt ihr der leise Wehmuts-Ausruf "Papa".

 Dann findet sie darin eine kleine Flöte, ein Akkordeon, eine Trommel und übergroße Puppen. Olga trennt den Pappmaché-Kopf vom weißen Kleid und setzt sich ihn selbst auf. Als würde damit die Reise in die Traumlandschaft der Vergangenheit beginnen. Dann kommen die Schwestern dazu und der Bruder sowie die Offiziere, die sich zum Namenstags-Frühstück hier eingefunden haben. Jeder trägt seinen Puppenkopf. Jeder hat ein Instrument. Und mit einem "Ras, dwa, tri" beginnt die Russendisko der Kammerspiele.

Mit starken Bildern, großen Effekten, mit poetischer Kraft, Musikalität und gänzlich unabhängig von alten Traditionen und Rezeptionen hat Andreas Kriegenburg dieses 1901 uraufgeführte Tschechow-Stück auf die Bühne gebracht.

Mit dieser sehr theatralischen, vielfach überzogenen Inszenierung ist er vermutlich dem Dichter näher als die meisten anderen Tschechow-Aufführungen. Die monströsen Puppenköpfe, fantastisch angefertigt, geben den Figuren eine ganz besondere Aura. Jeder Kopf ­ ein eigener Charakter. Die weißen Gesichter mit den großen dunkel gemalten Augen zaubern die Seele nach außen und treffen ins Herz. An diesen Physiognomien uralter Kinder kann sich das Mitleid der Zuschauer entzünden.

Denn diese Köpfe machen die Körper klein und zerbrechlich und verschaffen dem Gestus der Schauspieler eine Wahrhaftigkeit, die sie in ihrem sonstigen Spiel nie erreichen. Warum wer und wann sich die Maske jeweils überstülpt, erschließt sich nicht immer. Aber wenn das Militär die Stadt verlassen hat, die Liebe Maschas und Werschinins unerfüllt bleibt wie der Traum von Moskau und Irina zur Kenntnis nehmen muss, dass sich ihr Bräutigam Tusenbach im Duell hat töten lassen, weil sie ihn nicht liebt ­ dann bleibt den Geschwistern nichts weiter übrig, als sich unter den Puppenköpfen ins Glück ihrer Kindheit zurückzuträumen. Und kindisch hineinzuhüpfen. Wenn sich bei Tschechow im Verlauf des Stücks, das mehrere Jahre umfasst, die Schwestern vermeintlich verändern, sind sie bei Kriegenburg am Ende die selben Kindsköpfe wie am Anfang.

Tschechow zeichnet ein breites Panorama einer überkommenen, untätigen Gesellschaft, die von revolutionären Neuerungen philosophiert, aber vorbeilebt an der Wirklichkeit. Die maßlos ist in ihrer arroganten Sentimentalität und der Trauer über sich selbst. Die vorgibt, arbeiten zu wollen, aber es nicht kann, weil sich jeder Einzelne nur für sich selbst interessiert. So sind ihre Gespräche auch keine Dialoge, sondern verkappte Monologe. Kriegenburg zeigt das überdeutlich.

Sehnsucht nach den Puppen

Er macht sich nicht mehr die Mühe, den Schein des Miteinanders zu inszenieren. Er stellt die Figuren einfach an die Rampe, wo sie dann ihr Innerstes offenbaren. Das hat etwas von einem Nummernprogramm. Und es kostet sie die Individualität. Damit auch die Komik, die Tschechow seinen Menschen mitgegeben hat. Nun interessieren sie nicht mehr besonders, weil es an ihnen nichts zu entdecken gibt. Und man wünschte sich manchmal, dass sie doch ihre geheimnisvollen Puppenköpfe wieder aufsetzten.\x0f.\x0f.\x0f

Dennoch, in dieser Inszenierung zeigt es sich, wie sehr Tschechow, wenn man ihn in seiner Zeit belässt, Raum gibt für moderne Interpretation. Kriegenburg, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, hat dafür einen hervorragenden, hellen Rahmen geschaffen. Genügend Platz für große Effekte. Im ersten Akt sind es die Nussschalen, die sich sturzflutartig aus dem Kronleuchter auf den Boden ergießen. Im zweiten die Wunschzettel Irinas, die die Wände von oben bis unten bepflastern. Im dritten, nach dem großen Feuer in der Stadt, ist es ein Wall aus Weißwäsche, in dem man sich und seine Gefühle verstecken kann. Und im vierten Akt schließlich sind es weiße Wunsch-Ballons, die sich nach der Decke strecken, aber nie aufsteigen.

Insgesamt ist diese Aufführung eine große, homogene Ensembleleistung. Die Künstlichkeit, in die Kriegenburg das Stück versetzt, macht alle gleich. Die Schwestern ­ Annette Paulmann, Sylvana Krappatsch und Katharina Schubert ­ sind sich nicht nur äußerlich mit ihrem langen Schwarzhaar sehr ähnlich. Auch in ihrem Spiel, in das sich rührend-jüngferliche Anmut mischt, wenn sie wie Mädchen Hand in Hand über die Bühne springen. Das Stück ist lang. Und Kriegenburg macht es noch ein bisschen länger. Denn auf seine üblichen Slapstick-Einlagen und Wiederholungen hat er nicht verzichtet. So geht ihm dann nach der Pause die Puste aus. Und die Schauspieler versuchen jetzt ihrerseits, mit Brüllen der Sache Atem zu verleihen. Was natürlich nicht funktioniert.

Und noch etwas funktioniert nicht. Kriegenburg setzt voraus, dass das Publikum das Stück kennt. Also lässt er im ersten Akt Annette Paulmann nicht nur die eigenen, sondern auch die Texte der anderen Figuren sprechen ­ als schnelles Zitieren von sowieso Bekanntem. Wer aber damit kokettiert, dass er nur eine weitere Variante einer Geschichte vorführen will, ohne diese Geschichte im Ganzen neu zu erzählen, macht letztlich das Theater überflüssig. Was auch angesichts dieser Inszenierung schade wäre.

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