Die Ewigkeit von Pappkartons

München - Das Münchner Haus der Kunst zeigt mit der Schau "Robert Rauschenberg - Travelling `70-`76" unbekannte Arbeiten aus dem Schaffen des US-Amerikaners.

Robert Rauschenberg, 1925 geboren, ist ein janusköpfiger Künstler. Auf der einen Seite steht strenge Abstraktion mit monochrom weißen oder schwarzen Gemälden, auf der anderen seine Pop Art, die die Bilderwelt der Medien zu Überfülle zusammenfügt. Rauschenberg fährt in den 1950er-, 60er-Jahren erfolgreich zweigleisig und pickt sich auch aus der alten Dada-Strategie die Liebe zu Fundstücken heraus, die zu wilden Skulpturen kombiniert werden. Dieses Montage-Prinzip ist in "Combine Paintings" ein Begriff geworden.

1970 vollzieht Rauschenberg einen Schnitt. Er zieht von New York weg in den Süden von Florida auf Captiva Island und nimmt einen optischen Hausputz vor. Er reinigt Sehen, Seele und das Gemüt. Ergebnis sind mehrere Werk-Serien, die die simpelsten Materialien zutiefst und ehrlich ernstnehmen und fremde Einflüsse reflektieren. Deswegen firmieren "Cardbords" (Pappkartons), "Venetians" (Venezianisches), "Early Egyptians" (Altägyptisches), "Hoarfrosts" (Raureif) sowie "Jammers" (Windjammern) in der Ausstellung unter dem Motto "Travelling", Reisen. Dieser richtig schöne und richtig überraschende Rauschenberg-Coup ist Kuratorin Mirta d'Argenzio zu verdanken, die sich zehn Jahre mit dem Schaffen des Amerikaners auseinandergesetzt hat. Zusammen mit der Fundação de Serralves, Museu de Arte Contemporânea, Porto, und dem Museo D'Arte Contemporanea Donna Regina, Neapel, konnte das Münchner Haus der Kunst die einzigartige Überraschung verwirklichen. Schließlich wurden diese Werkkomplexe noch nie vorgestellt.

Während Andy Warhol seine Pappschachteln einfach lässt, wie sie sind und was sie sind, nämlich Konsum-Müll, werden sie unter den Händen von Rauschenberg zu echtem Kunst-Material. Die Eigenart des Massenstoffs Karton untersucht der Künstler, um zu neuen Sichtweisen zu gelangen. Der aufgeklappte Papp-Quader wird an der Wand zu einem abstrakt-geometrischen "Gemälde" von leicht schäbiger Eleganz. Kombiniert mit Schachteln, die kleben, an Schnüren baumeln oder aufgespießt sind, ergeben sie ein Spiel zwischen Tafelbild, Skulptur und Alltags-Collage. Venezianischer Abfall vom verrosteten Radl über bauchige Flaschen und Schwemmholz bis zur Badewanne sowie Pappe, Seile, Sand und Stoffe erheiterten den Amerikaner nachdrücklich. Skurrile Arbeiten entstanden, die eine kindliche Freude am Basteln ebenso ausdrücken wie eine überragende ästhetische Intelligenz.

Wenn Rauschenberg seine "altägyptischen", von Louvre-Besuchen angeregten Werke in Angriff nimmt, ironisiert er nicht allein die in Stein gehauene Ewigkeit, sondern er lässt auch - ein kleiner Geniestreich - deren Schatten farbig aufleuchten. Zunächst wälzte er die mit Leim bestrichenen Pappkartons in Sand und bekam damit "massive" Sandsteinblöcke, die skulptural imposant aufgetürmt werden können. Die Rückseite dieser Kubus-Plastiken ist mit Leuchtfarbe bestrichen, sodass fantastischerweise der Schatten nicht dunkel ist, vielmehr grün, rot oder gelb von der Wand strahlt. Ein herrlicher kunsthistorischer Witz in dieser Werkserie ist jene Stele, auf der oben ein schlappes Nacken-Kissen hängt. Schatten-Ergebnis: eine jonische Säule.

Von der scheinbaren Kompaktheit zur echten Leichtigkeit und damit fast wieder zum "echten" Tafelbild gelangt Robert Rauschenberg bei den "Hoarfrosts" und "Jammers". Bei ersteren nutzt er transparente Stoffe, auf denen die Reste seiner eigenen Grafik-Motive, die erwähnte Medienwelt, wie Geistererscheinungen durchschimmern. Die Schleierschichten spielen mit halb oder gar nicht mehr Erkennen-können, mit Verstecken und Entdecken. Die kraftvoll farbigen "Jammers" hingegen lassen wieder die abstrakt-geometrische Bildauffassung aufleben. Angeregt dazu wurde der Künstler von den Textilarbeiten in dem von Gandhi gegründeten Ashram in Ahmedabad. Aber auch hier fällt Gaze-Frost, der die Farben dämpft. Darüber hinaus analysiert Rauschenberg die skulpturalen Möglichkeiten der Stoffbahnen, die mit Hilfe von Rattan-Stangen Räume und Volumen entstehen lassen.

Mit "Travelling" kann der Besucher in der Tat eine heitere Kunstreise unternehmen: Sie beweist, dass heute Dada und Arte Povera, Fluxus und Materialkunst, Assemblage und Minimalismus immer noch höchst vital sind.

Bis 14. September,

Tel. 089/ 211 27 113.

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