Die Ewigkeit der Pubertät

- Der Gott hat's gut. Caravaggios Gemälde des "Amor vincitore" (Amor als Sieger) zeigt ihn "beflügelt vom erwachenden Geschlechtstrieb, ohne davon geplagt zu sein". Anders Albert, dessen Geschlechtstrieb schon lange munter ist, jedoch dem Besitzer ein stetes, lästiges Jucken beschert, so dass er sich bis zur Verwundung aufkratzt. Es sind diese Wunden der Pubertät, die Albert plagen _ ein Zustand, in dem er sich eigentlich schon als Säugling befand ("ein Selbstmissbraucher"), aus dem er auch als Erwachsener nie herausfand.

<P>Albert ist der tragikomische Held von Hans-Ulrich Treichels neuem Roman "Der irdische Amor". Ein verklemmter, verquerer Charakter, ein Loser, dessen sexuelle Begierde ihn auf eine ständige, planlose Lebenssinn-Suche treiben, die _ der Leser ahnt es _ ihn auch nach 256 Seiten nicht ans Ziel führen wird.</P><P>Ursprünglich sollte Albert nach dem Willen der Eltern ein Mädchen werden (womit Treichel einen Schuss Freud in die Story bringt), vom Internat fliegt er _ natürlich _ wegen eines verbotenen Techtelmechtels. Judo-Kurse und Schwimmbad-Besuche zwecks gelegentlichen Spannens bringen auch keine (Er-)Lösung. Und was studiert ein solch unschlüssiger Mensch? Natürlich Kunstgeschichte, wobei Albert vor allem die Vaginen, Penisse und anderen Zweideutigkeiten der alten Meister umtreiben. Caravaggio wird sein Forschungsgegenstand _ und dann tritt die Italienerin Elena in Alberts Leben, der er ins gelobte Land, nach Sardinien folgt, eine Beziehung, die an den unterschiedlichen Lebenserwartungen beider zerbröckelt.</P><P>Alberts Liebesleben: ein einziges Missverständnis. Es gibt kein Happy End. Doch dank Treichels Humor und dank seines schwebeleichten Stils ist aus "Der irdische Amor" keine psychologisch überfrachtete Lebensschilderung geworden. In mehreren Episoden mit gelegentlichen Rückblenden wird Alberts unglücklicher Werdegang nachgezeichnet. Dieses Buch ist ein amüsanter Gegenentwurf zu tiefschürfenden Analysegebäuden, ein satirischer, mit hübschen Seitenhieben gegen Kunsthistoriker gewürzter Anti-Entwicklungsroman: Albert bleibt sich treu, muss also scheitern. Amor als Sieger? Aus Alberts Sicht nur die dreiste Behauptung eines alten Meisters.</P><P>Hans-Ulrich Treichel: "Der irdische Amor". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 256 Seiten, 19,90 Euro.<BR></P>

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