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Der Geprüfte Graphologe Helmut Ploog arbeitet am liebsten auf dem Balkon in seinem Baldhamer Domizil.

Exakt nach Punkte-Plan

München - Briefe gibt es meist nur noch per E-Mail, und Kinder sollen keine Schreibschrift, sondern eine Art von Druckschrift lernen. Das löst nicht nur bei Pädagogen Besorgnis aus – auch Graphologe Helmut Ploog ist nicht gerade begeistert. Aber noch kann er über Aufträge nicht klagen.

„Viele schreiben heutzutage kam noch mit der Hand, sie tippen nur noch alles in die Computer hinein“, seufzt der Handschriftenexperte Helmut Ploog. Die Unbeholfenheit sehe er, die Schrift sei schulmäßig und damit für ihn uninteressant, ohne Aussagekraft. „Und so sind auch oft die Menschen dahinter.“ Heutzutage verkommen Handschriften immer mehr zur standardisierten Druckschrift, verlieren ihre Einmaligkeit. Die aber ist Ploogs Leidenschaft: Prinzessin Diana war verträumt und wenig intelligent, Herzogin Kate ist ehrgeizig, aber nur bedingt ehetauglich, und in der Beziehung mit Prinz William hat sowieso sie die Hosen an. Das zumindest sagen ihre Handschriften – und der Graphologe Helmut Ploog. Er hat die drei Schriften und damit alle drei Leben analysiert.

Seine Auftraggeber sind meist deutsche Gerichte oder Unternehmen, die mit Einverständniserklärungen und anhand von Schriftproben potenzieller neuer Mitarbeiter deren Stabilität, Ausdauer oder kämpferische Ader testen lassen. Post allerdings bekommt der 71-jährige Baldhamer (Landkreis Ebersberg) auch von Privatleuten, die – heimlich oder nicht – den Charakter ihres Partners für 150 Euro aufwärts analysiert haben möchten. Seine Urteile sind begehrt, auch dank eines Talkshow-Auftritts: Da wurde er gefragt, ob er seinen Beruf auch mal privat genutzt habe. Seine Antwort: „Bei meiner ersten Frau nicht...“

Gelernt hat Ploog Speditionskaufmann, über den zweiten Bildungsweg promovierte er, jetzt unterrichtet er selber Studenten. Sein Hobby ist seine afrikanisch inspirierte Einrichtung. In seinem Büro aber ist vor lauter überquellenden Ordner- und Zettelstapeln sein PC auf dem Schreibtisch kaum zu finden. Seinen Arbeitsplatz verlegt der Vorsitzende des Berufsverbandes Geprüfter Graphologen/ Psychologen aber sowieso lieber auf den Balkon.

Die Geranien immer im Blick, entziffert er mit oder ohne Lupe stundenlang fremde Handschriften, beurteilt fremde Leben. Nach einem exakt vorgegebenen Punkte-Plan geht er vor, zuerst kommt der Eindruck nach Form, Raum und Bewegung dran. Anschließend erfasst er nach einer Tabelle Merkmale wie Langsamkeit oder Eile, Fülle oder Magerkeit, Effizienz oder Verschnörkelung.

„Die ideale Schrift ist dem Alter entsprechend, zeigt eine Entwicklung im Geiste sowie die Persönlichkeit des Menschen“, erklärt er. Als Beispiel zieht er Prinzessin Dianas Schrift von 1996 und Herzogin Kates zu Rate: „Diana ist von Stimmungen beeinflusst und auch von der Intelligenz her nicht so hoch anzusiedeln wie Kate“, nimmt er vorweg. Kates Schrift sei sichtbar dichter, winkeliger, konzentrierter und vor allem schmaler als Dianas runde, teigige, liebe und nette. Durch ihr abgeschlossenes Studium der Kunstgeschichte habe Kate eine Denkschulung durchlaufen, Diana als Kindergärtnerin benötigte andere Qualifikationen. „Die eine ist vom Ehrgeiz und vom Verstand getrieben, die andere von Gefühlen beeinflusst. Sie sind wie Öl und Wasser.“ Neu-Ehemann Prinz William komme anhand der Weichheit seiner Schrift stark nach seiner Mutter Diana. Außerdem wackelt seine hin und her, bei Kate dagegen ist alles einheitlich.

Die persönliche Handschrift allerdings verändere sich auch im Laufe des Lebens, gibt der Graphologe zu. Eine seiner Klienten beispielsweise sei mit 28 Jahren Sekretärin gewesen, 18 Jahre später dann Yogalehrerin. „Aus brav und schulmäßig wurde völlig frei und gelöst: Man hätte meinen können, die Texte hätten zwei unterschiedliche Personen verfasst“, sagt er. Doch noch mehr sieht der Experte: Ein verrutschter i-Punkt beispielsweise verdeutliche die Ungenauigkeit der Arbeitsweise, ein schlechter Rhythmus könne eine (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung andeuten. Ist die Schrift monoton, komme der Mensch oft aus seiner Lebensweise nicht ohne fremde Hilfe heraus.

Am Ende präsentieren seine seitenlangen Urteile dann knallhart die Stärken und Schwächen des Analysierten. Für eine Dame war diese Erkenntnis zu viel, sie wollte erst nicht zahlen. „Und dabei hatte ich in ihrem Urteil geschrieben, dass sie eigenwillig und unberechenbar ist“, erzählt er und lacht.

Zweifler an dieser seit 100 Jahren existierenden Methode gebe es zuhauf, vor allem bei den Psychologen. „Sie sagen, dass sei alles Suggestion und völlig unwissenschaftlich“, erklärt Ploog. 50 Doktorarbeiten seien im vorigen Jahrhundert an deutschen Universitäten darüber verfasst worden. Doch seit Ende des Zweiten Weltkrieges bestimmten die USA die Psychologie – und akzeptierten die Graphologie nicht. „Und jetzt hat ein Uni-Professor in Europa, der etwas mit Graphologie zu tun hat, Angst um seinen Ruf.“

Angelika Mayr

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