Exkurse in die deutsche Gesellschaft

- Gerade noch hat der notorisch abgehetzt Wirkende am Münchner Hauptbahnhof den ICE gekriegt. Aber er hätte sich gar nicht so beeilen müssen, denn "nach fünf Minuten halten wir in München-Pasing. Nach zehn Minuten stehen wir immer noch da. 25 Minuten später meldet sich der Zugsprecher mit der Mitteilung, dass sich die Weiterfahrt noch ein wenig verzögern könnte. Wir hatten also nach einer Fahrt über fünf Kilometer, von München nach München-Pasing, 40 Minuten Verspätung . . .".

<P>Das fängt ja gut an. Und trotzdem wird es dem Leser keine Sekunde langweilig, wenn er mit Dieter Hildebrandt auf Tournee geht. "Ausgebucht" heißt sein neuestes Werk, das seit heute im Handel ist. Eine - wenn der Zug nicht gerade außerplanmäßig stehen bleibt - rastlose Fahrt durch die Republik, die den Kabarettisten von Lesung zu Lesung führt, daneben und darüber hinaus aber natürlich auch eine hochpolitische Reise durch Gegenwart und Geschichte Deutschlands ist.<BR><BR>"Die Öffentlich-Rechtlichen machen sich in jede Hose, die man ihnen hinhält, die Privaten senden das, was drin ist."<BR>Dieter Hildebrandt</P><P>Zunächst aber zeigt sich, dass der Wahl-Münchner ein glänzender Beobachter des Alltags ist. Hinreißend komisch, bisweilen ätzend seine Beschreibungen der Pannen bei der Bahn, die Porträts seiner zwanghaft mitteilungsbedürftigen, am Handy klebenden Mitreisenden ("Gerlinde, ich gehe jetzt aufs Klo"), seine Skizzen aus und über Hotels und die großen und kleinen Bühnen, auf denen er gastiert.<BR><BR>Doch der 77-Jährige beschränkt sich nicht aufs Protokollieren dessen, was er sieht und hört (und übrigens auch nicht auf die Schiene als Verkehrsweg), er verknüpft sein Reisetagebuch mit Exkursen mitten hinein in die deutsche Gesellschaft, mit Porträts ihrer Repräsentanten, nicht nur aus der Politik. Und hier zeigt sich der Hildebrandt, den man von der Kabarettbühne in Erinnerung hat. Scharfzüngig, angriffslustig, polarisierend.<BR><BR>Verblüffend, wie schnell der Autor den Leser von der "Oberfläche" seiner jeweiligen Reiseroute in seine Themen hineinzieht. Neben Aktuellem über Ost und West, Arbeitsuchende und Arbeithabende, die Lage bei den Medien ("Die Öffentlich-Rechtlichen machen sich in jede Hose, die man ihnen hinhält, die Privaten senden das, was drin ist") findet sich auch so mancher (Horror-)Trip in die (deutsche) Vergangenheit. Zu spüren ist hier seine Hoffnung, das schriftlich Festgehaltene möge nicht vorbeifliegen wie die Städte und Dörfer auf Hildebrandts Wegen durch Deutschland. An den "furchtbaren Juristen" Hans Filbinger wird da erinnert und an die "Mordtage von Penzberg" kurz vor Ende des Krieges, an den Münchner "Konsul" und Partylöwen Herbert Stiehler, der seinen Reichtum der Enteignung des jüdischen Geschäftsmanns Heinrich Cohen verdankt.<BR><BR>Oft wird hinter dem Chronisten, dem Zyniker und altersweisen Grantler auch der Mensch sichtbar. Dann geht's um sein Leben mit Kollegin Renate Küster, um tote Freunde wie Matthias Beltz und um seinen verstorbenen Bruder, der Sportjournalist bei der "Abendzeitung" war. Aber auch hier hält Hildebrandt die Balance, und so wird sein kleiner Nachruf auf Bernd Hildebrandt abseits aller Larmoyanz ein lesenswertes (Lehr-)Stück über die Mechanismen der Mediendemokratie.</P><P>Dieter Hildebrandt: "Ausgebucht. Mit dem Bühnenbild im Koffer". <BR>Blessing Verlag, München. 254 S., 19 Euro.<BR></P>

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