Exotisches Leseerlebnis

- Sie leben miteinander in einer engen Beziehung, in fast schon körperlicher Abhängigkeit - der Schriftsteller Kogito Chôkô und seine Bibliothek. In der er arbeitet, in der er schläft. Chôkô, soeben von einer Gastprofessur in Berlin nach Tokio zurückgekehrt, schaut in seiner Jetlag-Fiebrigkeit plötzlich wie von außen auf sich selbst: "Und in seinem Schädel sah man ein rotes Herz.

Mehrere feine Blutgefäße waren direkt mit einer Herzklappe verbunden und traten aus dem Kopf aus. Wenn er genau hinsah, reichte jedes Einzelne zu jeweils einem Buch im Regal hinüber. In dieser durch die Blutgefäße vermittelten Verbindung zwischen ihm und den Büchern spürte er eine große Geborgenheit, begleitet vom melancholischen Gefühl des Verlusts."

Zwei Bilder von Frida Kahlo haben den japanischen Autor Chôkô, Alter Ego von Kenzaburô Ôe, zu dieser Vorstellung animiert. Und diese beschreibt auch das Verhältnis des Romanerzählers zum Geschilderten. Denn der Erzähler, fast immer dicht bei der Figur Chôkô, bildet mit den vielen verschlüsselten Erinnerungs- und Innerlichkeitspassagen ein autarkes, in sich geschlossenes System. Es scheint fast, als sei der Leser ein Eindringling, der mit seinem Staunen und seiner Wissbegier die intime Nabelschau stört.

Tagame, der Schildkäfer, ist ein Abspielgerät

Der Nobelpreisträger Kenzaburô Ôe macht es einem mit seinem Buch "Tagame. Berlin - Tokyo" nicht leicht. Mit dem Herzen im Kopf - wie in jenem fantasierten Bild - zergliedert und zergrübelt er Eindrücke, Lebensmomente; nicht etwa Emotionen. Fast schon klischeehaft erfüllt dieser Roman die Erwartung von der asiatischen höflichen Distanziertheit. Denn die Charaktere, ihre Beweggründe und Abgründe bleiben fremd und fern.

Dabei spielt das Buch zu einem großen Teil in Berlin, dabei weckt seine Hauptfigur überdies unsere Neugier. Denn Ôe erzählt unverkennbar von sich selbst. Von einem Autor, der in den Wäldern der Insel Shikoku aufwuchs und die Schwester seines besten Freundes heiratete. Ihn aber, einen Filmregisseur, verlor er durch Selbstmord. So ging es Ôe tatsächlich mit seinem Freund Juzo Itami. Auch hat Ôe wie seine Romanfigur einen behinderten, als Komponisten erfolgreichen Sohn. Und Ôe hatte in Berlin die Samuel-Fischer-Gastprofessur inne, während der dieses Buch entstanden sein muss.

Verfolgt von mysteriösen, dunklen Mächten

Diese Berliner Zeit wird zur Entziehungskur für Kogito Chôkô. Denn der Freund Gorô hatte vor seinem Tod für ihn eine große Menge Kassetten mit Selbstgesprächen besprochen und sie ihm zusammen mit einem Abspielgerät hinterlassen. Vom Abhören dieses Geräts - Tagame, "Schildkäfer", genannt - wird Chôkô depressiv und süchtig nach den Worten des Toten. Da der Verstorbene häufig in Berlin arbeitete, rafft Chôkô sich auf, geht dessen Spuren nach und sucht Gründe für seinen Tod.

Ungefähr 80 Seiten lang dreht sich dieses Buch wie die Tonbänder um sich selbst. Chôkô liegt in seiner Bibliothek und zieht sich die akustischen Erinnerungen rein. Die Berliner Zeit wird mit ihren merkwürdigen Begegnungen zwar spannender, aber nicht erhellender. Erst als er abtaucht in ein Schlüsselerlebnis der beiden Freunde, ist etwas zu ahnen von den Psychodramen, die dieser Roman andeutet, aber nicht ausführt.

Während der amerikanischen Besatzungszeit nach dem Krieg gerieten die beiden damals Jugendlichen in die Fänge einer nationalistischen Gruppierung, der Chôkôs Vater einmal vorgestanden hatte. Die Freundschaft der beiden wird auf eine Probe gestellt. Auch später werden sie von mysteriösen, dunklen Mächten verfolgt, den Mafia-ähnlichen Yakuza etwa.

Bei aller Zartheit und Intimität, die dieser Roman mehr und mehr verströmt, bleibt er rätselhaft und verschlossen. Und ob es nun an der Übersetzung liegt oder am Verfasser, die innere Logik des Buches, seine Rückbezüge sind stellenweise schwer nachvollziehbar. Ein anspruchsvolles, exotisches Leseerlebnis, das die Bereitschaft voraussetzt, am Ungesagten mehr Gefallen zu finden als am Geschriebenen.

Kenzaburô Ôe: "Tagame. Berlin - Tokyo." Aus dem Japanischen von Nora Bierich.

S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 280 Seiten; 19,90 Euro.

Der Autor liest heute, 14. September 2005, um 20 Uhr im Literaturhaus München; Lesung des deutschen Textes: Helmut Becker. Karten: Tel. 089/ 29 19 34 27.

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