Experimentieren mit Weltanschauungen

- "Ich bin nur Reporter. Ich schreibe, was ich sehe." Dieser Satz, von Graham Greene einer seiner schönsten Romanfiguren, dem alternden Briten Thomas Fowler in "Der stille Amerikaner" in den Mund gelegt, ist auch eine Selbstaussage. Graham Greene, der vor 100 Jahren im englischen Berkhamsted geboren wurde, war immer auch Zeitzeuge. Seine Romane, zeitlos in ihrer Qualität, sind in besonderer Weise Momentaufnahmen, durchtränkt von den politischen Konflikten der Epoche, ihren geistig-moralischen Kämpfen, von Anteilnahme.

<P>"Ich kann mich nicht wohl fühlen, wenn ein anderer leidet", sagte Greene. Wenige Autoren haben die Haltung eines unruhigen Gewissens so ins Zentrum gestellt wie Greene. Sein besonderes Talent lag in der Fähigkeit, diese Ruhelosigkeit auf seine Leser zu übertragen. "Fluchtwege" heißt eine seiner Autobiografien verräterisch. "Werde Doppelagent und verberge vor beiden Seiten dein wahres Wesen" - auch so ein Lieblingssatz, der enthüllt, worum es diesem Autor ging: um Selbstschutz.</P><P>Mutig bis zum Wahnsinn</P><P>"Es ist wichtig, kein Spiel ernst zu nehmen, sonst verliert man es", war sein Motto. Greene war dabei mutig bis zum Wahnsinn - bereits mit 16 spielte er einmal Russisches Roulette -, experimentierte mit Drogen, Waffen und Weltanschauungen, reiste voller Lust gerade in die gefährlichsten Krisengebiete und war selbst Spion des britischen MI 5.<BR>Greene kannte alles, wovon seine Bücher handeln: "Das Ende einer Affaire" ist nichts anderes als ein Schlüsselroman über die große Liebe, die ihn über 13 Jahre mit der verheirateten Catherine Walston verband.</P><P>Graham Greene kam aus bürgerlichen Verhältnissen. Er studierte in Oxford und konvertierte mit 22 zum Katholizismus. 1926 ging er zur Londoner "Times". Gleichzeitig begann er, Literatur zu schreiben. Mit "The Man Within" erlebte er 1929 einen ersten Erfolg. Dennoch schrieb er, bereits ein berühmter Mann, weiter für die Zeitung - auch Filmkritiken. Die Nähe zum Film färbte auf die Romane ab: Bereits "Orient Express" wurde 1934 verfilmt, seitdem schrieb Greene immer mit dem Kino im Blick, arbeitete mit Schnitt- und Überblendungstechniken. Auch seine nächsten drei Bücher, sämtlich spannende Thriller, wurden verfilmt, das dritte, die Faschismusparabel "The Ministry of Fear" von Fritz Lang. </P><P>Dann war es sogar umgekehrt: "Der dritte Mann" schrieb Greene zuerst als Drehbuch, danach kam der Roman. Zugleich kamen neue Themen hinzu. Mit "Die Kraft und die Herrlichkeit" nahmen ihn manche als "Katholischen Autor" wahr - wogegen er sich zeitlebens wehrte. Seit Mitte der 50er-Jahre reiste er durch die Dritte Welt, beobachte mit scharfem Blick den Untergang der europäischen Kolonial-Herrschaft und den Beginn neuer Konflikte: Vietnam ("Der stille Amerikaner"), Kuba ("Unser Mann in Havanna"), Kongo ("Ein ausgebrannter Fall") Haiti ("Die Stunde der Komödianten"), Paraguay ("Der Honorarkonsul"), Südafrika ("Der menschliche Faktor") und Nicaragua ("Mein Freund, der General"). Gute Absichten, böse Realitäten und eine grundsätzliche geistige Erschöpfung sind die Mixtur dieser Bücher.</P><P>Den Versuch einer Greene-Biografie hat jetzt, kaum befriedigend, Ulrich Greiwe vorgelegt. Man mag es noch originell finden, dass Greiwe wild in der Chronologie hin und her springt; dass der Biograf aber fast ganz auf Gewichtung seiner Fakten verzichtet, dass die innere Kontur dieses Leben unklar bleibt, wiegt schwer. Graham Greene, der am 3. April 1991 am Genfer See starb, hätte Besseres verdient.</P><P>Sämtliche Werke bei dtv. Ebenso Ulrich Greiwe: "Graham Greene". dtv, München, 260 Seiten; 15 Euro.<BR>"Orientexpress": Titel der rororo-Taschenbuchausgabe, 1951.<BR></P>

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