„Expressionismus²“

Hochzeit im Farbenrausch

München - Alles anders, alles neu: Die Schau „Expressionismus²“ vereint die Sammlungen Buchheim und Nannen in Bernried.

Freiheit. Aufbruch. Mut. Sprühende Bekenntnisse zur Emotion, Bild gewordene Sehnsüchte lassen die Räume des Buchheim Museums in Bernried vibrieren. Alles ist anders. Alles ist neu. Selbst das, was man meinte zu kennen, sieht man nun mit anderen Augen. Was vor hundert Jahren galt, gilt jetzt wieder. Zwei riesige Säle, zwei Emporen und ein Grafikkabinett wurden umgeräumt, um Farbräusche über Jahrzehnte hinweg, Motiventwicklungen quer durchs 20. Jahrhundert zu zeigen.

Die Kunsthalle Emden ist mit Meisterwerken angerückt, Bernried hat in seinen Beständen gewühlt. Die Elefantenhochzeit der Sammlungen Buchheim und Nannen ergibt nun „Expressionismus²“ – was man wörtlich nehmen darf: Eine gigantische Ausstellung der frühen und späten Wilden wirbelt jeglichen Staub auf, der auf der Kunstgeschichte je lag. Statt lexikalischem Wissen schlagen hier Sichtachsen die Verständnisschneisen, die millionenschweren Hochkaräter bekommen ihre Lebendigkeit zurück.

Dafür waren lange Kämpfe und schließlich eine Satzungsänderung bei der Buchheim Stiftung nötig, die jetzt Kooperationen und gegenseitige Leihgaben ermöglicht. Eine der sinn- und augenfälligsten Allianzen ist die mit Emden. Henri Nannen (1913–1996) und Lothar-Günther Buchheim (1918–2007) waren beide in Sachen Kunst an der Münchner Uni unterwegs, waren beide Kunsthändler und beide arrangierten sich als Kriegsberichterstatter halbwegs mit dem NS-Regime. Beide hatten ein Faible für die Expressionisten und wollten und konnten hier einiges wieder gutmachen. Nannen als der Vater des Magazins „Stern“ und Buchheim als Autor („Das Boot“) setzen sich sowohl wortgewaltig als auch de facto für die Kunst ein: mit sehr persönlichen, subjektiven Sammlungen, die 1986 in Emden und 2001 in Bernried ihre öffentliche Heimat erhielten.

Seinerzeit gab es durchaus Eifersüchteleien zwischen den beiden Karrieremännern, heute ergänzen sich die Sammlungen perfekt: Die Direktoren Daniel J. Schreiber (Buchheim Museum) und Frank Schmidt (Kunsthalle Emden) haben didaktische Theorie weitgehend verbannt und bauen darauf, dass man ihre lustvollen Inszenierungen auch so versteht. Max Liebermanns spröde Pferde-Impression entwickelt sich da fort zu Max Beckmanns gewaltigen Landschaften. Seine italienische Reiseerinnerung im Amsterdamer Exil 1938 fokussiert statt des luftigen Moments nun eine bedeutungsschwangere, innerlich explodierende Statik. Fortgeführt in einer atemlos stillen Bootsszene des magischen Realisten Franz Radziwill. Er ist es auch, der die Sehnsuchtslandschaften der Brücke-Künstler zu Apokalypsen verwandeln wird.

Wer einer anderen, feurigen Straßen der Expressionisten zu neuen geistigen Ufern folgt, endet unvermittelt in einem wilden „Roten Raum“ von Maurice Wyckaert oder bei anderen Rückbesinnungen auf Impulsivität und Kindlichkeit der Sechzigerjahre. Die Werke der Gruppen CoBrA und Spur werden in diesem Kontext auch dem letzten Skeptiker als indirekte Fortführung expressiver Gedanken verständlich. Sie alle sind Teil der Schenkung des Münchner Galeristen Otto van de Loo an die Kunsthalle Emden.

Nannen selbst lenkte seinen Fokus auf neusachliche und sehr kritische Porträts: Josef Scharl als einer seiner Favoriten ist mit seinen Personenpanoramen dem wagemutigen George Grosz ebenbürtig. Das führt nahtlos zu den Arbeiten auf Papier im Obergeschoss: Otto Dix mit seiner Raffinesse ist hier dem unglaublichen Leuchten Emil Noldes gegenübergestellt. Seine empfindliche Blumenserie als Leihgabe zu bekommen, gleicht einem Ritterschlag. Ähnliches kann man auch von der Attraktion schlechthin sagen, Franz Marcs „Blaue Fohlen“. Erst im Mai kommen sie vom Kunstbau München angereist. Schon jetzt ist aber die hauchzarte zweite Bild-Leinwand dahinter mit einer Katzenstudie zu sehen.

Solche Preziosen für Experten – das sind auch verblüffende und völlig untypische Landschaftsstudien (Kanoldt, Picabia), Alexej Jawlenskys fulminante Kopf-Serie oder die gemalten Liebesbeweise für die Künstlergattinnen. Dem Ganzen setzt noch das Grafikkabinett mit der Sonderausstellung „Obsessionen“ die Krone auf: Delikateste Erotica von Rodin, Klimt und Schiele auf tiefviolettem Samt lassen die Skandale von damals erahnen und machen spürbar, welche Facetten der Freiheit über die Kunst erkämpft wurden.

Freia Oliv

„Expressionismus²“

läuft bis 5. Juli; die Schau „Obsessionen“ bis 28. Juni,

Am Hirschgarten 1, Bernried; Telefon 081 58/ 99 700.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Konzertkritik: So war „The xx“ im Zenith
München - Das Londoner Indie-Pop-Trio „The xx“ gastierte am Freitag im Münchner Zenith. Die Konzertkritik:
Konzertkritik: So war „The xx“ im Zenith
Ein Generalintendant für Gasteig und Konzertsaal?
München - Ein Restaurant auf dem Dach, ein attraktiverer Eingangsbereich, eine Philharmonie, die ertüchtigt wird: So stellt sich Max Wagner den neuen Gasteig vor. Am …
Ein Generalintendant für Gasteig und Konzertsaal?
Das Münchner Volkstheater wird unbeschreiblich weiblich
München - Das Volkstheater lädt neun Inszenierungen zur 13. Auflage seines Regie-Festivals „Radikal jung“ nach München ein. Das erwartet die Besucher vom 28. April bis …
Das Münchner Volkstheater wird unbeschreiblich weiblich
Two Door Cinema Club: Die können wiederkommen
München - Am Donnerstagabend waren die Nordiren von Two Door Cinema Club in der Tonhalle in München. Sie wussten, was die Fans wollten. Eine Konzertkritik.
Two Door Cinema Club: Die können wiederkommen

Kommentare