Das Ereignis dieses Premierenabends ist Antonio Yang als Wotan, hier in der Schlussszene von Georg Schmiedleitners Inszenierung mit Rachael Tovey als schlafende Brünnhilde im Hintergrund. foto: ludwig olah

Ein extra Hojotoho

Nürnberg - Das Staatstheater Nürnberg setzt Wagners „Ring“ mit einer lauten „Walküre“ fort. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Für Wanderer ist es der Traum. Einmal rauf auf den Kilimandscharo – oder wahlweise runter in den Grand Canyon. Eisige Höhen, heiße Tiefen, beides ultimative Tests für Hirn, Gelenke und Muckis. Besonders aber die Mitteilung an die Umwelt: Herschauen, geschafft! Weshalb sich ja auch die Opernhäuser der Welt, ob groß, mittel oder klein, aus ähnlichen Erwägungen nach diesem „Ring des Nibelungen“ strecken.

In Nürnberg steckt hinter dem Wagner-Marathon offenbar der Generalmusikdirektor. Marcus Bosch hat sich im Programmheft zur „Walküre“ viele und gute Gedanken gemacht. Über Dynamik, Tempi und darüber, dass die Stimmen und der von ihnen gesungene Text mit das Wichtigste seien. Man liest das gern – und hört davon wenig in der Premiere. Bosch pflegt eine extreme Profilierung des Klangs, gönnt sich auch Furioses, dirigiert auf Trennkost – und manchmal auf Überschärfe in den Details. Einmal sind an einer ruhigen Stelle Holzbläser zu hören, die sich sehr vorlaut erheben, sodass man grübelt, ob das überhaupt in der Partitur steht. Derart angestachelt spielt die Staatsphilharmonie robust, harsch, knallig. Nürnberg, auch ein Rekord, dürfte die derzeit lauteste „Walküre“ zu bieten haben.

Als Antonio Yang zum Beispiel ansetzt zu „Der Augen leuchtendes Paar“, dann riskiert er, anders als die meisten Wotane und nach drei konditionsraubenden Stunden, ein bestrickendes Piano. Leider wird das vom Mann im Graben ignoriert. Was ziemlich bedauerlich ist, haben doch die Nürnberger einen Göttervatersänger im Ensemble, um den sie viele andere Häuser beneiden dürften – Promi-Gast Eva Wagner-Pasquier wird’s registriert haben.

Alles ist bei Antonio Yang da. Kraft, großbogiges Empfinden, Attacke, ein kerniges Heldentimbre, die Lust am Nuancieren, dazu eine natürliche Autorität, die Pathos nicht braucht: Der Südkoreaner, im „Rheingold“ noch der Alberich, ist das Ereignis dieser „Walküre“. Die ist solistisch (fast) hausgemacht. Vincent Wolfsteiner ist ein belastbarer, unerschrockener Siegmund, trägt sein Spiel eine Spur zu aufdringlich vor sich her. Roswitha Christina Müller liefert als hochhackiges Fricka-Biest effektvolle Rampendramatik, Ekaterina Godovanets (Sieglinde) operiert an vokalen Grenzen. Randall Jakobsh (Hunding) ist als Schlägertyp ein Gesamtkunstwerk, zu dem die diffuse Intonation mit gutem Willen passt. Einziger Gast: Rachael Tovey, die in der tiefen Lage der Brünnhilde ihren hochdramatischen Sopran gut beruhigen kann, sich die Spitzen ansonsten mit Anschleifen erobert.

Dass ihr an falscher Stelle ein „Hojotoho“ auskommt, ist ein Lacher – und eine nette Hintergründigkeit von Regisseur Georg Schmiedleitner. Es gibt einige Szenen, die sehr diskussionswürdig sind in dieser „Walküre“ neben solch kleinen Komödienstadeleien. Es sind dies die „Todverkündigung“ und das Finale. Wie Brünnhilde und Siegmund im ersten Fall ihre versteckten Sympathien füreinander nicht ausleben dürfen, dabei auf Körperkontakt gehen, wie im anderen Fall der innerliche Aufruhr bei Wotan und Tochter am Ende hier augenfällig wird, das hat schon starke Schauspielqualität.

Eine Katastrophe ist über diese „Walküre“-Welt hineingebrochen. Von Hundings Hütte steht nurmehr die Ruine, Wotan haust in einem Gefechtsstand mit Schießscharten, auf dem Walküren-Felsen gemahnt ein verschlissenes Plakat mit dem Schriftzug „Wir rufen dich!“ an den Volkssturm des Götterchefs. Doch Schmiedleitners Hang zur Unlogik konterkariert vieles. Besonders den Kriegsrealismus und die durch Altreifen symbolisierte Umweltzerstörung. Im Mittelakt etwa fährt eine Fensterputzer-Plattform an der Schießschartenwand auf und nieder – eigentlich nur, um Wotan und Fricka ein Sing-Podium zu bieten. Sieglindes Blutfleischsuppe, von der Hunding einen Akt zuvor gekostet hat, geht nur als bemühter Grusel durch. Überhaupt neigt dieser Aufzug, der doch die gestischste Musik Wagners bietet, zur Überinterpretation. Und so derb, wie die Walküren als blutige Rockerbräute auftreten, müssten sie eigentlich zu Hundings Gang gehören, nicht jedoch zu Wotans Familie. Wie es eben so aussieht, wenn der geplante Schocker in den bloßen Schau-Effekt driftet.

Markus Thiel

Nächste Aufführungen:

12. und 20. April

sowie 4., 25. und 29. Mai;

Telefon: 01805/ 523 16 00.

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