Im extremen Gegenlicht

- Er selbst war von seinen Fotografien so wenig überzeugt, dass er seine Dunkelkammer als Abstellplatz nutzte und die letzten zehn Jahre gar nicht mehr aufsuchte. Der Nachlass von etwa 5000 Abzügen, Buchentwürfen und dem Negativarchiv von 1937 bis 1981 moderte in Erlangen vor sich hin. Zwei Jahre nach dem Tode Helmut Lederers, 1999, übergab der Neffe diese immense fotografische Ausbeute dem Fotomuseum München und kam für die Restaurierung auf. Bei der nunmehr ersten großen Retrospektive fragt man sich, warum Lederer sich selbst so kritisch sah - und wie das Werk relativ verborgen bleiben konnte.

<P>Lederer (1919-1999) entwickelte seinen eigenen Weg zu einer strukturellen Fotografie und zur Abstraktion. Im Umgang mit der Kamera war er als Autodidakt sehr locker, als akademischer Bildhauer, Grafiker, Redakteur und Ausstellungsmacher hingegen ebenso rastlos wie ehrgeizig. Einige Skulpturen zeigen, wie er auch hier um die Reduzierung und Konzentration rang, aber immer vom Gegenstand ausging.</P><P>"Subjektive Fotografie"</P><P>Im Bild verschrieb sich Lederer ganz der Struktur, der Wirkung von Licht und Schatten, der Kontraste und der dynamischen, verfremdenden Reihung. Er führt mit seinen Schwarz-Weiß-Bildern die frühe Avantgarde auf eigenständige Weise weiter. Licht- und Formexperimente ziehen sich durch das ganze Schaffen: Sonnenblumen-Nahstudien, Garnrollen-Strukturen, halbscharfe, halbschattige, geheimnisvolle Porträts sind die Ergebnisse. "Formen, weiblich" markieren Anfang der 50er-Jahre einen ersten Höhepunkt der losgelösten Aktfotografie, wo in einer Lichtaura Rundungen zu Eigenkompositionen werden. Gleichzeitig engagiert sich Lederer bei den zentralen Nachkriegsausstellungen der "subjektiven Fotografie" und prägt mit Spinnenpaaren und Künstlerbildern den Begriff.</P><P>Die Essenz folgt 1960: Figuren im extremen Gegenlicht werden bei "Zu Kafka" zu flüchtigen, vagen Lichterscheinungen. 1964 huschen nurmehr die Schatten der Documenta-Besucher vorbei. Nach dieser Phase der absoluten Eigenständigkeit besinnt sich Lederer auf den Gegenstand, dokumentiert zerfallende Fachwerkhäuser und vergessene jüdische Friedhöfe. Damit kehrt er zurück zu den stimmungsgeladenen Reiseaufnahmen der frühen Jahre und einigen erfolgreichen Veröffentlichungen. 1981 aber legte er trotz Berufungen und Auszeichnungen die Fotografie ad acta.</P><P>Bis 13. Juni, Katalog 25 Euro, Tel. 089 / 23 32 29 48.<BR>Helmut Lederer: Aus der Serie "Zu Kafka", 1960.Foto: Stadtmuseum<BR></P>

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