Facettenreiches Esperanto

- Welcher Worte bedienen sie sich? Rufen oder flüstern sie? Wie kann der Betrachter sie hören, und tut er es überhaupt? Die Fragen nach der Sprache der Bilder sind keine neuen, aber man kann sie unentwegt von neuem stellen. "Talking Pictures" - Ingvild Goetz fasst das Motto des dritten Teils ihres Ausstellungszyklus' "Imagination Becomes Reality" in ihrer Münchner Sammlung sehr weit, auch weit über die Kontinente, um neun zeitgenössische Künstler zu präsentieren, deren Werke sich - exemplarisch eindrucksvoll - in facettenreichem Esperanto artikulieren.

Der fotorealistische Stil des Londoners Nigel Cooke changiert zwischen zwei Sprachen. Die eine schön, die andere trist: Ein üppiger Baum steht in der Ödnis, auf der Betonmauer hinter ihm prangt ironisch unbeholfen gemaltes Obst - verlassenes Paradies oder Müllhalde der Zivilisation? Die gleiche starke Stimme zwischen Metapher und Trivialität ist von den Ölcartoons der New Yorkerin Inka Essenhigh her zu vernehmen. In Dalí´-Sympathie entführt sie Momente aus Mythos und Alltag in das Eingeweidelabyrinth fantastischer Monster.

Aber es gibt auch Bilder, die subtilere Gespräche mit ihrem Betrachter aufnehmen: etwa die geschlossenen sanften Szenen des Japaners Hiroshi Sugito oder die Baumfantasien der Brasilianerin und Wahl-Düsseldorferin Rosilene Luduvico. Auch Peter Doigs herrliche Trinidad-Impressionen scheinen da von der Realität abzuschweifen.

Dann verändern sich die gutmütigen Dialoge zu irritierenden Monologen: Sie werden plastisch mit den gestickten und geklebten Ebenen von Michael Raedeckers symbolreichen Stillleben. Sie verselbstständigen sich mit David Thorpes Reste-Collagen zu organischen Bausatz-Ersatz-Naturen. Sie kehren schließlich - humorvoll, auch sarkastisch - Gefühls- wie Bilderwelten um.

In den technisch fesselnden, geheimnisvoll romantischen Videoinstallationen des Ludwigsburgers Jochen Kuhn und des Johannesburgers William Kentridge mischen sich die Künstler mit ein: Kuhns zeichnende Hand erscheint im Bild, im Arbeitsprozess wird die filmische Collage auch zur Dokumentation ihrer selbst. Und während Kentridges Zeichnungen einander fließend ausradieren und wieder übermalen, in der wundersamen Vergänglichkeit des Einzelbildes also, vollzieht sich der Übergang zum wahrhaft sprechenden, bewegten Bild: dem Film.

20. Februar bis 3. Juni, Mo.-Fr. 14-18 Uhr, Sa. 11-16 Uhr (Oberföhringer Str. 103), Katalog 30 Euro. 089/ 95 93 96 90.

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