Das fahrende Haus

- Es ist um 1912. Jemand drückt den Auslöser einer Kamera. Während der Verschluss sich über die Blende schiebt, sitzt Thomas Mann starr, die Zigarre zwischen den Lippen, blickt geradeaus in das Auge des Apparates. Um ihn herum turnen fünf Gespenster: seine Kinder Klaus, Monika, Golo und Erika sowie der Hund der Familie. Wie so oft lässt die Bewegungsunschärfe einer Fotografie ein Geheimnis entstehen - und lüftet dabei ein anderes.

Diese Kinder werden alle - gemeinsam mit ihren noch ungeborenen Geschwistern Elisabeth und Michael - in die literarischen Fußstapfen ihres Vaters treten. Von dessen strenger Hand aus werden sie ein bewegtes Leben in einer bewegten Zeit führen - und sie werden diese Zeit bewegen.

"Ein episodisches Sein" Monika Mann

Familie - wo erlebt man diesen Begriff auch in seiner Tragik stärker als in Thomas Manns "Buddenbrooks"? Vielleicht nur in dessen großer eigener Familie. Von unschätzbarem Wert sind die Dokumente, die allein das Buddenbrook-Haus in Lübeck und die Münchner Monacensia von ihr besitzen, und entsprechend viel wiegt nun die Ausstellung, welche die beiden Städte (unterstützt durch die Archive in Bern und Zürich) unter der Schirmherrschaft von Frido Mann miteinander verbindet. Das Münchner Literaturhaus zeigt: "Die Kinder der Manns - Ansichten einer Familie". Ein etwas anderes Familienalbum ist dies: eines, dem für die sechs großartigen Reisenden in ihren literarischen, politischen, geografischen Welten nur ein Saal zur Verfügung steht. Dessen Seiten chronologisch Kabinette bilden aus farbigen Informationsstelen und Vitrinen, die sich wie symbolische Meilensteine anordnen. Eng ist es hier, familiär eben, nicht ununterbrochen - dafür sorgen Hitler-Regime und Emigration -, aber immer wieder.

"Ein episodisches Sein", so beschreibt Monika Mann ihr Leben, "das fahrende Haus hat als Grundstein die gefestigte Kindheit und Jugend. Länder und Kontinente sind Stockwerke des Münchner Elternhauses." Die verkannte Schriftstellerin verliert ihren Mann, den ungarischen Kunsthistoriker Jenö Lá´nyi, als ihr Schiff auf dem Ozean zwischen Liverpool und Halifax sinkt. Ein Schicksal, um das nicht jeder weiß. Aber nicht nur Klaus und Erika, sie alle sechs sind ja die Protagonisten der großen schriftstellerischen Mann- Chronik, sie alle schrieben Geschichte: im familiären Glück, in den wilden Aufbrüchen der Zwanziger, in den Kriegsjahren der Trennung, schließlich auch in der gemeinsamen Weigerung, nach Deutschland zurückzukehren. "Wie in einem bösen Traum" besucht Klaus Mann später noch einmal München, als Fremder "im ehemaligen Vaterland".

Zahlreiche bisher unbekannte Ton- und Bilddokumente sind bei der zweijährigen Recherche für diese einzigartige Sinnenschau aufgetaucht - um eine besondere Familie auf- und hochleben zu lassen. Die Erfahrung dieser Ausstellung, die man auch mit einem Audio-Führer durchwandern kann, ist eine sehr intime. Eine Geschichte, deren sechs Kapitel zumeist einzeln erzählt werden und die nun plötzlich und glücklich zueinander finden.

Als wunderbare Begleiterscheinung sind von nun an auch die Tagebücher Klaus Manns in der Monacensia der Öffentlichkeit zugänglich.

Bis 26. Februar, Tel. 089/ 2 91 93 40; Katalog: 19,90 Euro.

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