Fahrendes Volk

- Doris Schade hat sie alle gespielt: Shakespeares Desdemona und Kleists Marthe Rull, Sophokles' Jokaste, Euripides' Hekabe, Ibsens Frau Alving und Tschechows Ranjewskaja, Schillers Elisabeth, drei "Was-ihr-wollt"-Violas und viermal Luise Millerin - die großen Frauenrollen des Theaters. Bereits in ihren ersten Bühnenjahren waren das 70 Rollen, manchmal sieben bis acht große Figuren gleichzeitig, allein die Violas an drei Theatern in verschiedenen Übersetzungen. "Das war wunderbar, weil man wie eine Sängerin eine Partie entwickeln konnte." Fast 60 Jahre steht die große Tragödin der Münchner Kammerspiele nun auf den Brettern, am Freitag feiert sie ihren 80. Geburtstag.

Doch genug der Zahlen, von denen sich die Schade am allerwenigsten beeindrucken lässt. Wichtiger als ihr Ehrentag ist ihr ohnehin am Donnerstag die Premiere von Sophokles' "Antigone", in der sie den blinden Seher Teiresias spielt. Und stärker als die Erfolge von früher beschäftigt sie der Selbstzweifel von heute. Mit dem neugierigen, offenen Strahlen einer jungen Frau sitzt sie in ihrem Stamm-Café´ "Kulisse", raucht den mit eleganter Spitze versehenen Zigarillo und räsoniert. Etwa über die wachsenden eigenen Ansprüche: "Es wird immer schwieriger. Alle glauben, lange Bühnenerfahrung mache gelassener, aber je genauer man weiß, was man spielen will und was nicht, desto schlimmer." Interessant am Seher Teiresias findet sie, dass sich durch seine Figur das Stück "um 180 Grad dreht. <BR><BR>Aber warum tut es das?", fragt sie mit viel sagendem Blick ihrer blitzeblauen Augen. Sie spielt ihn weder als Frau noch als Mann. "Eine der Sagen um den Seher erzählt ja, dass er für sieben Jahre eine Frau wurde, weil er beim Liebesfest zweier Schlangen die eine erschlagen hat. Die Göttermutter Hera, die im Streit mit Zeus der Überzeugung war, die Frau empfinde weniger bei der Liebe als der Mann, fragte Teiresias danach, der es wissen musste. Er sagte, die Frau empfinde mehr. Zur Strafe musste er erblinden."<BR><BR>Vergnügt gibt Doris Schade Auskunft, bereitwillig öffnet sie sich, Attitüden hat sie nicht nötig. Und ist doch ganz Dame, noch immer bis in die Fingerspitzen erfüllt von der Schauspielerei, von der sie schon als Zwölfjährige träumte. Doch ein Schlüsselerlebnis gab es da nicht. "Das Theater hat sich bei mir eingeschlichen. Ich fühlte, dass in mir so viele Frauenfiguren herumgeistern. Vielleicht wollte ich mich auf keine festlegen. Aber wenn ich länger nachdenke: Der Wunsch, Schauspielerin zu werden, kam von der Leinwand. Ich hatte zunächst Angst vor großen Rollentexten, dachte, beim Film geht es häppchenweise . . ." Als Doris Schade Abitur machte, war sie bereits, nach privatem Unterricht, fertige Schauspielerin. "Mein Glück, so musste ich in den Kriegsjahren nicht zuerst zum Arbeitsdienst." In der ganzen Bundesrepublik sowie in Wien bekam sie ab 1946 feste Engagements. "23 Mal bin ich umgezogen", sagt sie. Deshalb zählt sie sich zum "fahrenden Volk". Fritz Kortner, der sie 1962 als Desdemona nach München holte, hat sie hier sesshaft gemacht.<BR><BR>Mit einer Unterbrechung von fünf Jahren, die sie am Hamburger Schauspielhaus verbrachte, gehört sie seither dem Ensemble der Kammerspiele an. "Als ich hier während der Hamburger Zeit gastierte, da fühlte ich wieder die Größe, Einmaligkeit und Intimität dieses Münchner Hauses." Es übt auf Schade einen besonderen Zauber aus. "Die Verführung, mit Dieter Dorn ans Residenztheater zu wechseln, war groß. Es stand lange auf Messers Schneide." Doch: "Es muss das Haus gewesen sein, das mich festhielt. Und die Neugier auf neue Möglichkeiten. Vielleicht war es auch das fahrende Volk in mir." Ironie einer Lebensgeschichte - um weiter zu ziehen, wollte die Schade bleiben. Die Frage nach dem Ruhestand parierte sie vor Jahren mit der Gegenfrage: "Was ist das?" Zum Glück plant sie auch heute noch keinen. "Ich weiß nicht, wie er aussehen soll. Solange ich gebraucht werde, stehe ich zur Verfügung. Ein Maler hört auch nicht auf, weil er eine gewisse Altersgrenze erreicht." Ein Segen für Publikum und ihre Schüler. "Ich will Geburtshelfer sein für junge Schauspieler."<BR><BR><BR>

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