Fahrstuhl zum Blabla

- Kurz und schmerzlos. Das ist Samuel Becketts "Das letzte Band" im Münchner Marstall. Kurz - weil der Monolog des zermürbten Mannes, des erfolglosen Schriftstellers, des liebeslosen Alten nur 55 Minuten dauert und daher mit 15 Euro Einheitspreis pro Karte rein mengenmäßig zu wenig Kunst für zu viel Geld bietet. Ein oder zwei weitere kleine Becketts - dazu hätte man sich doch noch durchringen können am Bayerischen Staatsschauspiel.

Und schmerzlos - weil es diesem Abend an Radikalität gebricht. Einer Radikalität, die den Schauspieler im Umgang mit seiner Rolle und mit sich selbst meint, die in ihrer bitteren Konsequenz auch weh tut. Die Kehrseite dieses Schmerzes wäre das Lachen. Beides wird in dieser Aufführung vermisst.<BR><BR>"Das letzte Band", der Dialog des 69-jährigen Lebensverweigerers Krapp mit sich selbst beziehungsweise mit dem von ihm vor 30 Jahren besprochenen Tonband, ist gleichzeitig auch der Dialog des Schauspielers mit dem eigenen Ich. Diese Doppelbödigkeit dürfte für jeden älteren Künstler eine besondere Herausforderung sein. Also auch für Claus Eberth. Der vitale Kerl mit der sensiblen Seele, dieses immer von einem Hauch Tragik umflorte, imposante Mannsbild hätte allerdings einen Regisseur gebraucht, der aus der engen Seele Krapps die weiten Abgründe der Hölle hervorzaubert. Denn nichts anderes stellt die Selbstbegegnung des alten Mannes mit der missachteten und verschenkten Chance der Liebe von einst dar.<BR><BR>Keine "speckige schwarze" Hose, kein "schmieriges weißes Hemd" ohne Kragen, weder "ein Paar schmutzig-weißer Schnürstiefel, mindestens Größe 48" noch eine "purpurne Nase", wie es Beckett vorschreibt: Der Krapp des Claus Eberth ist kein Spieler, keiner, der zum Schluss tatsächlich seine Rolle beendet, der frei mit der im Stück enthaltenen Dialektik des Theaterberufs jongliert. Er ist bloß ein akkurater Endsechziger in feinem grauen Tuch, geschniegelt und gestriegelt, mit blütenweißem Hemdkragen und Krawatte, eleganten Schuhen, die erst später gegen Latschen ausgewechselt werden. Wie Eberth ihn spielt, diesen Text, der ihm zum Befindlichkeits-Blabla verkommt, dürfte dieser Mann die Höllenfahrt des Lebens wohl kaum kennen gelernt haben. Ebenso wenig seine erschütternde Lächerlichkeit.<BR><BR>Dieser Krapp haust nicht in einer Bude inmitten unzähliger Blechschachteln mit Bandaufnahmen. Im Marstall kommt der Unbehauste per Fahrstuhl in die aufgeräumte, kühle Szene. 14. Stockwerk. Ein großer Raum wie die zentrale Abhörsammlung eines Überwachungsstaates, hinter hohen Schiebetür-Wänden das riesige Tonbandarchiv. Das Bühnenbild Stefan Hageneiers ist zwar von attraktiver Ästhetik, aber ohne zwingende Logik.<BR><BR>Dennoch: Hier nun beginnt Krapp seinen Erinnerungsakt, indem er in aller Akribie mit dem schönen alten Tonbandgerät hantiert. Indem er mal mit geneigtem Kopf lauscht, mal sich weigert zuzuhören. Indem er das Gerät unwirsch, verstört, hohnlachend aus- und anschaltet. Indem er vor ihm flieht, sich vor ihm produziert, mit ihm weint, es am Ende mit einer Leerspule versieht, um darauf erneut zu sprechen, zu kommentieren, sich zu rechtfertigen und schließlich zu schweigen.<BR><BR>Das alles berührt einen kaum, ist auch ohne Witz. Denn Claus Eberth bleibt in seiner Darstellung erstaunlich eindimensional. Zu privat. Was vermutlich daran liegt, dass sein Sohn Matthias die Regie übernommen hatte. So viel Nähe und Vertrautheit tun selten gut. Was Matthias Eberth vor allem nicht gelungen ist: der fremde Blick auf seinen Vater, die

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