Das Fallobst der Erinnerung

- "Und eines Tages bin auch ich/ Irgendmal unter Cherubim." Und wieder das Donnern eines Düsenjägers. Da fängt er ihn, als sei es nur eine Fliege, mit seiner Hand. Stille. Blackout. Nach neunzig Minuten ist der Monolog beendet. Und vielleicht auch das harte Leben dieses alten oberpfälzischen Knechts Wenzel - "Der Tod - ein Muttergotteskuss ist es". Jenes Leben, das Autor Werner Fritsch 1987 als eine Art Poem festgehalten hat.

<P>In der Sprache kunstvoll unaufwändig. Die Unzulänglichkeit des Sich-Ausdrückens zur poetischen Form gekürt. Jetzt hat Regisseur Elmar Goerden dieses Erinnerungskunststück des 1905 in Waldsassen geborenen armen Mannes auf die Bühne gebracht. Als ein Märchen. Kein schönes, sondern eines, das sich einreiht in die Grausamkeitslegenden früherer Jahrhunderte.<BR><BR>Inszeniert hat Goerden dies eigens für Richard Beek, diesen filigranen Traurigkeitsspieler mit der heiteren Grundstimmung. Mit den großen Ohren, den dürren, staksigen Beinen, dem breiten und dieses Mal ziemlich zahnlosen Mund, den er zum Schrei aufreißen oder jungenhaft verlegen spitzen kann. Mit dem stillen Lachen, das ihm der Moment einer glückseligen Kindheitserinnerung beschert, oder der tölpelhaften Naivität, mit der er von Geburt und Tod der Kinder berichtet. <BR><BR>Als würde Wenzel zum ersten Mal formulieren, was er in den über 80 Jahren erlebt, erlitten, erfühlt hat. Kindheit und Kinderlähmung, Erster Weltkrieg und Revolution, Ehe, Hitler, Zweiter Weltkrieg und KZ, brennende Menschen und Viehwaggon, Flucht und Traum - und am Ende immer noch nur Knecht.<BR><BR>Berührend ist es, wie Richard Beek all diese Lebensphasen und Lebensalter durchspielt. Staunend wie ein Kind erzählt er von der Entstehung der Welt, pfiffig wie ein kecker Jüngling von der raschen Brautwerbung um die viel ältere Frau. Schicksalsergeben wie eine Gebetsmühle von dem Tagwerk eines Knechts. Und mit demütiger Hingabe schließlich von den Wundern der geheimnisvollen Irrlichter des Dorfs.<BR><BR>Goerden und Beek entschieden sich also fürs Märchen. Fürs Überlebensmärchen eines verwunschenen, dürren Männleins, dessen Erinnerungen wie Fallobst auf dem Boden liegen, aber so wert- und rätselvoll bleiben wie jener goldene Apfel zwischen all den roten. <BR><BR>Dass Goerden und seine Ausstatter Silvia Merlo und Ulf Stengl diesen feinen, kleinen Monolog mit allerlei Bild-, Video- und Tonerfindungen überfrachtet haben, ist schade. Ebenso, dass der Text mitunter schwer zu verstehen ist, was vielleicht aus einem übertriebenen Realismus heraus gebilligt wurde. Wie Goerden und Beek überhaupt der Figur ein bisschen zu nah gekommen sind. Am Ende aber viel Beifall für den wunderbaren Richard Beek und sein akribisches Geduldsspiel.</P>

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