Falscher Tiroler

- Sein Wahlspruch erscheint - in oft ganz kleiner Schrift - in seinen Zeichnungen, Aquarellen und druckgrafischen Arbeiten immer wieder: "Man muss träumen, um in dieser fürchterlichen Welt zu überleben." Ein berittener Zylinderträger huldigt diesem Motto ebenso wie eine voluminöse, kurios gekleidete Madame auf einem Landungssteg kurz vor dessen jähem Ende. Gleich wird sie dem aufsteigenden falschen Neptun entgegenplumpsen.

<P>Voller sinistrer, grotesker Schilderungen des Absonderlichen sind die grafischen Illustrationen und gemalten Einzelblätter des seit 1986 in Berlin lebenden, doch nach wie vor in Halle an der Saale fest verwurzelten, aus der Gegend von Zeitz stammenden, jetzt 54-jährigen Zeichners Ralf Bergner im Tegernseer Gulbransson-Museum. <BR><BR>Keusche Erotik</P><P>Verdichtet komisch verhalten sich seine meist dicklichen Typen: der angebliche Tiroler (rote Socken zum aufgemotzt ländlich falschen Grün) im Kaffeehaus, der den festen Halt seiner Hosenträger verlierende magere "Dirigent in Nöten", der angebliche Tiroler oder der echte Oberst einer entlegenen k. u. k.-Armee im Bordell. Die Menschen des 19. oder beginnenden 20. Jahrhunderts waren in Bergners Auffassung wesentlich origineller als die standardisiert Heutigen. Dort ist er als Grafiker zu Hause: bei "Manon Lescaut" oder bei "Orpheus in der Unterwelt". Auch Bergners ganz und gar nicht karikierenden Schwarzweißporträts tendieren zum Altertümlichen: Friedrich II., Jacques Offenbach, Fürst Pückler, Katharina die Große.<BR><BR>Handkolorierte Radierungen aus Auflagen machen jedes Blatt zum Original. Kleinteilige Bildreihen verbindet Bergner zu Bilderbögen: zu Zyklen erzählerischer Art. Geschichtskenntnis verbindet sich mit interpretatorischem Scharfsinn. Bei seinen Kleinbildfolgen zu Ludwig II. und "Erotik" blieb Bergner jedoch der keusche DDR-Künstler von ehedem. Da verschenkte er so manches hintergründige Motiv an die Niedlichkeit des Harmlosen.<BR><BR>Bergner studierte bis 1985 an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle bei Frank Ruddigkeit und Willi Sitte. Sie entdeckten ihn als Illustrator, sodass er ein Zusatzstudium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst absolvieren konnte. Verschwiegen wird Bergners wesentliches Vorbild, an das ihn Sitte verwies: Der 1917 geborene und Anfang 1998 gestorbene Karl-Erich Müller malte im offiziellen DDR-Stil die Themen der Arbeitswelt und illustrierte im inoffiziellen Teil bergeweise Heinrich Manns "Untertan", Gogols "Bildnis", Thomas Manns "Felix Krull", "Cloche Merle" von Gabriel Chevallier voll bissiger Satire und Erotik schon vor 1965. <BR>Reinhard Müller-Mehlis</P><P>Bis 19. September; ein älterer Katalog kostet acht Euro; Tel. 08022/ 6 76 31.<BR></P>

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