Wer Familie hat, braucht keine Fantasie

- Ihre früheste Erinnerung an Chile ist die an ein Haus, das sie nie gesehen hat: das "große Eckhaus", in dem ihre Mutter geboren wurde und von dem ihr Großvater so oft erzählte, dass ihr ist, als hätte sie darin gelebt. Dieses Haus spielt die Hauptrolle in Isabel Allendes Bestseller "Das Geisterhaus". Und es begegnet dem Leser wieder zu Beginn von Allendes neuestem Werk "Mein erfundenes Land", das ihn mitten hineinführt in die Welt der chilenischen Geschichtenerzählerin. Darin kehren die Gestalten aus Allendes erstem Roman gleichsam aus der Literatur ins Leben zurück, denn der fiktive Clan der Truebas "gleicht in alarmierender Weise der Sippe meiner Mutter. Solche Figuren hätte ich nicht erfinden können. Was ja auch nicht nötig war, denn wer eine Familie wie die meine hat, der braucht keine Fantasie", schreibt Allende.

Mit "Mein erfundenes Land" wagt sich die Autorin auf eine Reise durch ihre Erinnerungen. Ihre Souvenirs: intime Einblicke in ihre Sippe, in ihre ambivalente Beziehung zu Chile und in ihren eigenen Schreibkosmos, den sie als wahre Heimat betrachtet - als ihr erfundenes Land.

Touristentipps für Chile

Heimweh ist der Exilchilenin vertrauter Begleiter, und so erzählt sie von ihrem Land, das sie liebt und vermisst, seit sie der Militärputsch von 1973 in die Ferne trieb. Vor der Kulisse der eigentümlichen Natur Chiles beschreibt sie die Großzügigkeit und Borniertheit ihrer Landsleute, die Machos und starken Frauen, erzählt von dem, was ihr Heimatland für sie liebenswert macht und berichtet über Missstände in Politik und Gesellschaft. Immer mit einem kritischen Blick auf sich selbst schildert Allende die wechselvolle Geschichte des südamerikanischen Staats, und wie es ist, als "umherschweifende Pilgerin" in den USA endlich so etwas wie eine zweite Heimat zu finden.

Allerdings gelingt es ihr gerade am Anfang des Buches nicht - man mag es mit der auf sie einstürmenden Erinnerungsflut entschuldigen -, ihre Gedanken in eine flüssige literarische Form zu gießen. Zu abgehackt reiht sie Abschnitt für Abschnitt ohne Überleitung aneinander und verstrickt sich immer wieder in logischen Widersprüchen. Auch kommt der Roman zu sehr im Gewand des Reiseführers daher, bedient den potenziellen Chile-Urlauber mit Verhaltensempfehlungen gegenüber Einheimischen und mit Tipps für Besichtigungen. Wer vor hat, nach Chile zu reisen, dem bieten das Buch eine einstimmende Lektüre. Auch Liebhabern der Allende-Romane mag diese Biografie gefallen, lernen sie doch die Ursuppe kennen, aus der die Autorin ihre Figuren fischte. Wer jedoch die wahre Schreibkunst Allendes erfahren will, sollte ihre früheren Romane lesen.

Isabel Allende: "Mein erfundenes Land". Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 200 Seiten; 16,80 Euro.

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