Für die Familie da sein

- Erschütternd ist dieses Jugendbuch, traurig und wichtig. Die Lebensgeschichte des Münchner Sinto Hugo Höllenreiner, "Denk nicht, wir bleiben hier!", erzählt den Überlebenskampf des 1933 Geborenen und seiner Familie während der Nazi-Herrschaft. Der Text basiert auf den Erinnerungen des heute über Siebzigjährigen an das Lagerleben, an die Brutalität der SS, das Quälen und Töten.

Die Biografie entstand auf Initiative Höllenreiners. Der Text ist durchsetzt mit kurzen Passagen, die seine Antworten aus Gesprächen mit der Autorin wiedergeben. Er fordert auf, die Vergangenheit nicht zu vergessen, auch wenn das Sprechen über traumatische Erlebnisse schwer fällt: "Wenn man so was mitmacht, sagt man sich, nein, ich spreche nicht mehr drüber. Weil man Angst hat, dass wieder so was kommt. Man hat immer wieder Bedenken. Ich habe jetzt keine Bedenken mehr. Ich bin froh, dass ich jetzt drüber spreche. Ich bin froh, das es nicht in Vergessenheit gerät, dass so was nicht mehr passiert."

Alle Erfahrungen in den Lagern Auschwitz-Birkenau, Mauthausen, Bergen-Belsen, der medizinische Missbrauch durch Josef Mengele, den er und sein Bruder durchstehen mussten, werden thematisiert. Das Buch zeigt, wie Hugo gelebt hat im Konzentrationslager, wo er frierend und zusammengekauert geschlafen hat, wie um Nahrung gekämpft worden ist - ja man sogar in den totenstarren Händen der Leichen nach verschimmeltem Brot suchte.

Der junge Hugo Höllenreiner erdichtet sich beim Erleben dieser Welt eine andere, er träumt vom Rauskommen, von Freiheit, davon, dass auch er wie sein Vater und Großvater mit Pferden handeln wird. Hatte er nicht über dem Eingang zum Konzentrationslager gelesen "Arbeit macht frei", und er arbeitete doch . . . Seine Freunde, die sein Fabulieren mit ihm teilen, verliert er auf brutale Weise, und einzig das Wissen darum, dass seine Familie da ist und dass man selbst für sie da sein muss, hält seinen Überlebenswillen aufrecht.

Wie erzählt man das Grausamste?

Durch Ritzen in der Wand muss er sehen, wie Menschen in die Gaskammern getrieben, grausam gequält und gedemütigt werden, riecht die brennenden  Körper  in  den Krematorien, schaufelt Gräber. Im Mai 1944, als die Lagerleitung beschließt, das "Zigeunerlager" in Auschwitz zu schließen und die Insassen zu töten, regt sich Widerstand, was dazu führt, dass die Gefangenen, Hugo und seine Familie nicht getötet werden. Er, seine Mutter, Geschwister, Tante und Cousinen werden über Mauthausen nach Bergen-Belsen transportiert. Dort muss Hugo Zwangsarbeit leisten, er schleppt Steine. Als die Briten das Konzentrationslager befreien, leben Hugo und seine Familie noch. Sie machen sich auf den Weg zurück nach München, in die Heimat.

Ein Balanceakt ist es, diese schmerzhaften Erfahrungen als Jugendbuch zu verfassen. "Ich beschloss, seine Geschichte in der dritten Person zu schreiben, angelehnt an seine Sprache neu zu formulieren, weil grauenvolle Erinnerungen sich nicht geordnet erzählen lassen, die Erinnerung nicht geradlinig verläuft", so Autorin Anja Tuckermann. Ein Schicksal ist es, das nicht loslässt. Der Text verstört durch die unpathetische Art, das Grausamste zu sagen, macht aber deutlich, wie notwendig es ist, sich den Vorgängen in der Nazi-Zeit zu stellen. Diese Lebensgeschichte ist nicht nur ein Jugendbuch.

Anja Tuckermann: "Denk nicht, wir bleiben hier! Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner". Carl Hanser Verlag, München, Wien, 304 Seiten; 16.90 Euro.

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