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Anna und Daniel Prohaska bei den Proben in der „Alten Rotation“, dem Veranstaltungssaal unserer Zeitung.

Großes Merkur-Interview

Dem Familienfluch nicht entronnen

Müncjhen - Benefizkonzert für „Lebensmut“: Die Geschwister Anna und Daniel Prohaska sprechen im Interview mit dem Münchner Merkur über ihren Werdegang und Zusammenhalt.

Sie sind das spannendste Geschwister-Paar der Musikszene: Anna und Daniel Prohaska. Die Sopranistin, Jahrgang 1983, war in der vergangenen Spielzeit unter anderem an der Bayerischen Staatsoper als Inanna in der Uraufführung der Oper „Babylon“ zu erleben. Der Tenor, Jahrgang 1973, sang etwa am Gärtnerplatztheater die Titelpartie im „Bettelstudent“. Heute Abend (geschlossene Gesellschaft) stehen die beiden im Rahmen einer Benefizveranstaltung für den Münchner Verein „Lebensmut“ gemeinsam auf der Bühne in der „Alten Rotation“, der Veranstaltungshalle unserer Zeitung. Vor den Proben nahmen sich Bruder und Schwester Zeit für ein Gespräch über ihren Liederabend und das Aufwachsen in einer Künstlerfamilie.

Sie haben sich und Ihren Bruder einmal als „Theaterkinder“ bezeichnet. Ihr Vater war Oberspielleiter im Theater in Ulm, Ihre Mutter Sängerin. Wie sehr war Ihr Berufsweg vorgezeichnet?

Anna Prohaska: Mich hat lange Zeit Oper überhaupt nicht interessiert, weil dieses Feld sehr von den Eltern besetzt war. Zuhause, im Auto – oft lief bei uns Musik aus Opern. Eberhard Kloke, der damals Generalmusikdirektor in Ulm war, hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass es andere Bereiche der sogenannten E-Musik gibt – Lied-Repertoire, Alte Musik, aber auch Arnold Schönberg und Anton Webern. Darüber habe ich den Weg zur Oper gefunden.

Daniel Prohaska: Ich habe ja versucht, dem Ganzen zu entfliehen und habe erst einmal etwas ganz anderes studiert: Sprachwissenschaft, Anglistik, Skandinavistik. In der Schule hatte ich allerdings Theater gespielt – und zufällig habe ich während des Studiums einen alten Schulfreund getroffen, der zwei Wochen später die Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Wien machen wollte. Er meinte, ich sollte mitgehen, ich hätte doch früher gern Theater gespielt. Irgendwann hatte er mich so weit, dass ich mit bin: Doch erst am Grad meiner Nervosität bei der Prüfung habe ich gemerkt, dass mir mehr daran liegt, als ich zugeben wollte. So hat mich der Familienfluch, wie ich es immer nenne, auch ereilt. (Lacht.) Den gibt es übrigens nicht erst seit unseren Eltern: unser Großvater war Dirigent, dessen Vater war Komponist.

Anna Prohaska: Auf der mütterlichen Seite war es mehr die U-Musik, wie man sagt – obwohl mir die Trennung nicht gefällt. Die Music-Hall-Tradition aus Nordengland etwa; meine Großmutter war Stummfilm-Pianistin, um sich Gesangsstunden zu finanzieren.

Ihr Sprachwissenschafts-Studium war schon eine scharfe Form des Protests gegen die Familie?

Daniel Prohaska: Total. (Lacht.)

Anna Prohaska: Er ist auf die Barrikaden gestiegen. (Lacht.)

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Daniel Prohaska: Unsere Eltern waren immer sehr unterstützend – in allen Interessen, die wir gehabt haben: Sie haben immer gerne gefördert, wofür wir eine Passion hatten. Als Kind hatte ich eine Passagierschiff-Phase, dann eine Greifvogelphase...

Anna Prohaska: (Wienerisch.) Bei mir waren das Ballett- und Klavierstunden...

Daniel Prohaska: ...und die Antike!

Anna Prohaska: Stimmt. Auf der Wiener Seite der Familie haben wir Kunsthistoriker. Ich bin sehr gern ins Museum und habe Bilder abgemalt. Das hat mich begeistert. Als Teenager habe ich überlegt, ob ich nicht Kunstgeschichte studieren sollte oder Archäologie.

Sie sind zehn Jahre älter als Ihre Schwester. Kommentieren Sie als großer Bruder ihre Karriere?

Daniel Prohaska: Ich beobachte Annas Karriere voller Stolz und Bewunderung. Natürlich besprechen wir Dinge, aber ich nehme mir sie nicht zur Brust. Wenn mir etwas auffällt und ich das Gefühl habe, dass sie das wissen möchte, dann sage ich etwas. Das gilt übrigens umgekehrt auch.

Anna Prohaska: Ich hole mir bei Danny gerne Ratschläge, weil er sehr rational ist in Bezug auf das „Business“, etwa wenn es um Verträge geht. Danny hat bei diesen Fragen einen sehr klaren Kopf.

Gibt es Bereiche, in denen Sie den Rat der Schwester besonders schätzen?

Daniel Prohaska: In der musikalischen Vielfalt, in der Herangehensweise an die Dramaturgie eines Abends wie jetzt in der „Alten Rotation“: Da kann ich mir etwas bei ihr abschauen. Ich denke, dass wir beide einen analytischen, aber auch einen emotionalen Zugang zur Musik haben.

Anna Prohaska: Bei den Proben haben wir wieder mal bemerkt, dass wir beide sehr gut zur Musik grooven und swingen können. Das war uns schon immer im Ohr – ein natürliches Verständnis für die Musik.

Wie ist der „Lebensmut“-Abend entstanden?

Daniel Prohaska: Einen Anstoß gab Gunnar Klattenhoff (Pressesprecher des Gärtnerplatztheaters; Anm. d. Red.), der eine Verbindung zum Verein „Lebensmut“ hat.

Anna Prohaska: Es war gar nicht so einfach, Barock-Repertoire für Sopran und Tenor zu finden. Da mussten wir wirklich wühlen. Stefan Schilli von den BR-Symphonikern und die L’Accademia Giocosa (ein Klangkörper aus Musikern des BR-Symphonieorchesters, der die Alte Musik pflegt; Anm. d. Red.) waren sofort Feuer und Flamme, uns dabei zu unterstützen. Dafür ein ganz großes Dankeschön!

Daniel Prohaska: Ich finde die Idee von „Lebensmut“ toll: Jeder hat doch im Bekanntenkreis Krebsfälle und sieht, wie das Umfeld der Erkrankten wegbrechen kann. Soweit ich das verstanden habe, ist das Hauptziel von „Lebensmut“, danach zu schauen, dass der Kranke eingebettet ist in ein verständnisvolles Umfeld.

Anna Prohaska: Und dass die Angehörigen unterstützt werden! Denn kaum einer kann sich doch eine 24-Stunden- Pflege leisten – das heißt, die Verwandten machen die harte Arbeit und pflegen oft zuhause den Kranken...

Daniel Prohaska: ...und müssen dabei alle Hochs und Tiefs mitmachen.

Nimmt man als Künstler Rücksicht bei der Programmgestaltung, wenn man weiß, dass man bei einem Benefizabend auftritt?

Anna Prohaska: Ja. Bei ein, zwei Stücken waren mir Text oder Titel zu traurig, zu tragisch. Darauf haben wir natürlich geachtet. Ebenso wie auf eine gute Ausgewogenheit: Wir haben etwa auch „Verzage nicht“ dabei – und ein, zwei religiöse Stücke, die einem, selbst wenn man nicht religiös ist, Hoffnung auf eine höhere Macht geben können: Sei es auf die Musik oder auf Bach selbst, der einem durch seine Kompositionen Lebensmut spenden kann.

Wird es weitere Chancen geben, Sie mit diesem Abend zu erleben?

Anna Prohaska: Das hoffen wir!

Daniel Prohaska: Denn wir haben sehr viel Spaß.

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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