Familiengeschichten

- Die Hochhaussiedlung als Bild dafür, dass die Menschen alle unter einem Dach leben. Die polnischen Autoren und Filmemacher Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiewicz erzählten vor 20 Jahren in ihren Geschichten und Filmen "Dekalog 1-10" von den Alltäglichkeiten des Daseins. Der niederländische Theaterregisseur Johan Simons braucht die Neubaukulisse nicht. Denn das Dach, unter dem wir alle uns befinden, ist die Bühne, im konkreten Fall sind es die Münchner Kammerspiele. Hier hat Simons den Dekalog in einer Fassung von Koen Tachelet, "Die Zehn Gebote", inszeniert.

<P>Auf total offener Bühne sitzen weit hinten am langen Probentisch sehr privat bei Kaffee und Wasser die Darsteller. Die Fläche davor ist voll gerümpelt mit allerlei Sperrmüll- oder Probenmobiliar, das von Szene zu Szene rasch umarrangiert wird, um einen neuen Schauplatz anzudeuten.<BR><BR>Über dem gesamten Bühnenraum ein Plafond aus Leuchtstoffröhren. Sie erhellen nicht nur mit ihrem kalten Licht total oder partiell den Schauplatz. Sie blenden auch blitzartig und grell die Zuschauer. Auf diese Weise werden wir mit einbezogen in dieses Theater, das die Welt sein will, wenn man den hier gezeigten kleinen Kosmos der polnischen Familiengeschichten im doppelten Sinn des Wortes als Allerweltsprobleme nimmt.<BR><BR>Episches Theater</P><P>Immer geht es um Kinder - vernachlässigte, geliebte, ersehnte, belogene, verlassene. Und um das eigene Gewissen, wenn sich die Figuren entscheiden müssen für den einen Menschen oder den anderen, für Liebe, Leben oder Tod. Die Geschichten, sprachlich eher bescheiden, werden uns von mehreren Erzählern nahe gebracht. Die Schauspieler verlassen dann jeweils den Tisch, um ihre Rollen zu spielen. Alle zwölf tun das hochkonzentriert. Sie folgen staunenswert und manchmal geradezu selbstlos in ihren Rollensplittern den Intentionen des Regisseurs.<BR><BR>Der hat diesen gesamten Theaterabend sozusagen als ein Exempel inszeniert. Damit nimmt er den Sentimentalitäten vieler Szenen die Spitze. Damit gewinnt er vor allem aber spielerische Freiheit und Situationskomik, die nicht aus der jeweils erzählten Geschichte resultiert, sondern aus der momentanen Realität der Schauspieler. Als seien sie gerade aufgerufen, diese oder jene Person aus der Erzählung zu verkörpern. Sehr persönlich, extrem leise, vorsichtig sich herantastend.<BR><BR>Zu diesem Zweck sind - eigentlich berufsschädigend - alle mit Mikroports ausgerüstet, damit die scheinbare Privatheit auf der Bühne für die Zuschauer auch hörbar ist. Was dennoch nicht immer der Fall ist. Die Akustik in den Münchner Kammerspielen ist, so scheint's, seit dem Umbau im Eimer.<BR><BR>Johan Simons zeigt eine Aufführung, die den großen Gesten, der dramatischen Handlung, den wirkungsvollen Auftritten misstraut. Und er holt dafür das längst begraben geglaubte Epische Theater zurück auf die Bühne. Was man sich hier so vorzustellen hat: Die Schauspieler sagen, was der Erzähler gerade erzählt hat, und kommentieren noch einmal das soeben Gesagte oder Gezeigte. Sie spielen, dass sie nicht spielen. Sie spielen, dass sie alles nur markieren - bis zu jenen Momenten, wo sie als Schauspieler nun wieder privat betroffen sind. Eine höchst raffinierte Kunst ist das, die einer besonderen Form der Distanz bedarf und die André´ Jung, Stefan Bissmeier, Wolfgang Pregler, Nina Kunzendorf mit geradezu boulevardesker Leichtigkeit hervorragend beherrschen.<BR><BR>Der Abend insgesamt: manch kostbare Miniatur, einige das Herz packende Szenen, aber doch zu viele hemmungslos lähmende Stückchen des Banalen. Und mittendrin die Erkenntnis, dass der Erzähler, wenn er auch hier so etwas wie Gott sein könnte, auf dem Theater doch nur begrenzt zu Wort kommen sollte. Nach knapp vier Stunden großer Premierenbeifall. </P>

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