Familienterror

- "Sollte einer klug werden aus dieser Familie! Da hielt ihr eigener Mann gern endlos lange Reden, sagte aber bloß ja oder nein, wenn es um private Probleme ging, und verschwieg ihr wichtige Fakten. Und konnte man dem schmeichlerischen Achim trauen, der wiederum alle Geheimnisse verriet? Angeblich hatte er eine Freundin, aber kein Foto auf seinem Nachttisch belegte ihre Existenz. Wollte er mit seinen geglückten Annäherungsversuchen dem Bruder eins auswischen? Andererseits schlief er in diesen Tagen nicht in seiner eigenen Wohnung, obwohl es für ihn sicherlich bequemer wäre. Das tat er doch nicht seiner Mama zuliebe, dachte Annette geschmeichelt."

<P>Das erhellende, rabenschwarze Porträt unserer Gesellschaft</P><P>In diesem Absatz aus der Mitte des soeben erschienenen neuen Romans von Ingrid Noll befindet sich wie in einem Kaleidosk bunt durcheinander gewürfelt die ganze Personnage der Story. Natürlich ist  "Rabenbrüder"  ein typischer Noll-Roman. Natürlich erzählt die Autorin mit dem ihr eigenen, hintersinnigen Witz wieder eine Mittelstands-Familiengeschichte aus der deutschen Provinz. Und natürlich geht's um Liebe und Betrug, Geld und Macht, Erpressung und Mord. Der ganz gewöhnliche Terror. Das biedere Verbrechen unter dem Schleier der Gutbürgerlichkeit.<BR><BR>Ingrid Noll lässt diesen Schleier von Seite zu Seite durchsichtiger werden. Aber bevor er zu früh zu löchrig würde, flickt die Autorin ihn immer wieder kurzfristig mit neuer Handlung, am Ende gar mit - sicherlich bewusst gesetzter - Krimi-Kolportage. Sie lenkt den Leser auf falsche Fährten und vermittelt über den Weg des Irrtums stets neue Erkenntnisse: über die zwischenmenschlichen Beziehungen, über den Symbolwert von roten Stöckelschuhen, über die Verführbarkeit frustrierter Mittdreißigerinnen und über die platte Tatsache, dass Liebe durch den Magen geht.<BR><BR>Hier liegen überhaupt Banalität und existenzielle Größe dicht beieinander. Eine wesentliche Rolle in Nolls Roman spielen Tod und Trauer und die Kälte, mit der die erwachsenen Söhne, eben jene "Rabenbrüder" Paul und Achim, auf das plötzliche Sterben ihres Vaters reagieren. War es Mord? Haben nicht etwa einige seiner Lieben seinen Tod insgeheim gewünscht? Erste konkrete Verdachtsmomente. Ach was, das kann doch nicht wirklich die brave Gattin gewollt haben. Es entpuppt sich schließlich jeder als Feind des anderen.<BR><BR>Mit meisterhaft leichter Hand und dennoch großem Ernst leuchtet Ingrid Noll in die finstersten Winkel der Vergangenheit und Gegenwart dieser nach außen hin so normalen Familie: der Vater ein hypochondrischer Despot; die dienende Mutter, der emanzipatorische Sehnsüchte nachgesagt werden; der leichtsinnige, aber charmante Hallodri Achim; der glücklose Anwalt Paul; seine zickige Frau Annette und deren falsche Freundin Olga.<BR><BR>Alle so kritisch wie liebevoll, auch ironisch beschriebene und reich ausgestattete Charaktere. Man meint fast, diese Menschen zu kennen. Und ist sich am Ende des Buches ganz sicher, nicht nur einen äußerst spannenden Kriminal- und Gesellschaftsroman gelesen zu haben, sondern zugleich auch einen hervorragenden Abriss deutscher Nachkriegsgeschichte. Ein erhellendes rabenschwarzes Porträt unserer Alltags-Zeit.</P><P>Ingrid Noll: "Rabenbrüder". <BR>Diogenes Verlag, Zürich. <BR>280 Seiten<BR>19, 90 Euro. </P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Rabenbrüder </P>

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