Zum Fanatismus verpflichtet

- München - Bevor es überhaupt losgeht, erst die These: "Wenn man sich mit unserem Stück auseinander gesetzt hat, wird man das Gebäude anders betreten." Punkt. Das klingt zunächst einmal mutig und nach dem Wunsch, den wohl jeder Künstler bei jedem seiner Werke hegt. Im Falle von Hans-Werner Kroesinger scheint die Behauptung allerdings berechtigt zu sein. Denn sein Konzept zu "Gladius Dei", das an diesem Samstag im Münchner Theater im Haus der Kunst (Bayerisches Staatsschauspiel) Premiere hat, befasst sich mit dem Gebäude, in dem es spielt.

"Kunst ist eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission." Adolf Hitler hat diesen Spruch einst am Haus der Kunst - damals noch der Deutschen Kunst - anbringen lassen. Der Propagandabau an der Prinzregentenstraße gehörte zu den "Lieblingsprojekten" Hitlers. Als Vorstand ernannte er den Münchner Bankier August von Finck, der die Finanzierung des Baus in die Hand nahm. Dann der Krieg, Ende des Regimes. Und die Umfunktionierung durch die Amerikaner in ein Casino.<BR><BR>Die Zeit von der Machtergreifung bis hin zu den ersten Nachkriegsjahren, das seien die interessantesten in der Historie des Gebäudes, sagt Kroesinger. Ein Jahr lang hat er im Auftrag des Bayerischen Staatsschauspiels Material gesammelt und ein Konzept erarbeitet. <BR><BR>"Der Chefdramaturg Hans-Joachim Ruckhäberle hatte die Idee, etwas mit dieser Spielstätte zu machen." Kroesinger hatte zuvor mehrere dokumentarische Stücke erarbeitet, etwa zum Eichmann-Prozess, Kosovo-Krieg, dem Deutschen Herbst, was Ruckhäberle bekannt war. Er lud Kroesinger ins Haus der Kunst und zu den Podiumsdiskussionen über den Bau ein.<BR><BR>"Dass es um ein Gebäude gehen sollte, schien zuerst problematisch. Theater hat erst einmal mit Menschen zu tun", erinnert sich der Regisseur. Bei den Diskussionen ließen sich aber "Reibungen, Emotionen" erkennen. "Hildegard Hamm-Brücher sagte beispielsweise: Schade, dass dieses Gebäude nicht auch im Krieg zerstört wurde."<BR><BR>Während der Recherche ist Kroesinger auf den Bankier von Finck gestoßen. "Er nutzte das Propagandainstrument Haus der Kunst für seine eigene Zwecke, baute seine Geschäftskontakte als Vorstand aus. Seine Bank nannte man auch die Bank des Führers." Kroesinger hatte seinen Protagonisten und seinen Schwerpunkt: "das Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Kunst".<BR><BR>Aus Originaldokumenten wie Vernehmungsprotokollen, Memoranden oder einem Handbuch für amerikanische Offiziere wurde die Spielvorlage erarbeitet, die "nicht historisch penibel" sein sollte. Von Thomas Manns Novelle "Gladius Dei" ist nur der Titel geblieben. Die Dokumente sind montiert, grundsätzlich aber unverändert. Entstanden ist ein Text, "der nicht von vornherein auf Wirkung komponiert wurde". Und der bewusst auch Fragen, die entstehen, offen lässt. "Der Theaterabend erfordert viel Konzentration vom Zuschauer", stellt der Regisseur fest.<BR><BR>Die rund zweistündige Aufführung im Haus der Kunst wird von zehn Schauspielern getragen (darunter Peter Albers, Heiko Ruprecht, Eva Schuckardt). Zunächst muss sich der Zuschauer zwischen zwei Anfängen entscheiden. Entweder er verfolgt eine Vernehmung zu Baron von Finck oder ein Offiziersgespräch über den Bankier. Nach der Pause werden alle Zuschauer in einer dritten Spielstätte zusammengeführt (Raum und Kostüme: Rob Moonen). "In den zweiten Teil gehen sie also mit sehr unterschiedlichen Informationen", sagt Kroesinger. Sie alle aber werden Eindrücke vom Haus der Kunst gesammelt haben, die sie anders aus dem Gebäude treten lassen. Vielleicht.<BR> 

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