Fango in der Hexenküche

- Morgen Augsburg? Warum nicht? Eine Fahrt in Münchens nahe Nachbarstadt kann durchaus lohnen. Das hat soeben die Eröffnung der Theatersaison 2003/ 04 bewiesen. Premiere hatte eine Neuinszenierung von Goethes "Faust", erstem Teil. Eigentlich ein Publikumsdauerbrenner, der aber seit 27 Jahren nicht mehr in Augsburg zu sehen war. Und auch in München ist er seit März 1994 von der Bildfläche verschwunden. Also nicht lange lamentieren über die Unbildung der Jugend usw., sondern einen Besuch wagen in die so genannte Provinz.

<P>Denn was das Theater Augsburg hier auf die Bretter gebracht hat in dem großzügigen, weiten Bühnenbild von Martin Fischer, kann sich als hervorragende Ensembleleistung sehen lassen. Regisseur Holger Schultze hat die auf drei Stunden recht gut eingedampfte Tragödie klar und sinnhaft erzählt. Was - man darf annehmen, absichtlich - auf der Strecke bleibt, ist der philosophisch-metaphysische Raum. Für Gretchen kein "Sie ist gerichtet! - Ist gerettet!" am Schluss. Stattdessen nur ihr kühles "Heinrich! mir grauts vor dir!" als späte, klare Erkenntnis einer durch Schmerz sehend Gewordenen. Goethes "Faust" - in Augsburg wird weder hauptsächlich das Drama des schöpferischen Genies noch das der Mutter- und Kindsmörderin Margarete gespielt. Sondern die Tragödie der unterschiedlichen Generationen, das Drama zwischen Jung und Alt.</P><P>Immer wieder gelingen Holger Schultze überzeugende Szenen, schöne, so vielleicht noch nicht gesehene Bilder. Zum Beispiel der Anfang. Zueignung, Vorspiel auf dem Theater lässt er weg und beginnt gleich mit dem Prolog im Himmel als ein anmutiges, in seiner Aussage dennoch deutliches Schattenspiel. Oder der Antrittsbesuch Mephistos: der Jüngling, der sich von dem Alten plötzlich examiniert fühlt, der erstmals formulieren muss, wer und was er ist. Wie aus altdeutschem Bilderbogen entnommen: der Osterspaziergang, bei dem die selbstgefälligen Bürger als böse Schießbudenfiguren über die Bühne kurven und Faust vor lauter Begeisterung ein Fußbad nimmt im vom Eise befreiten Bach. Eindringlich auch Lieschen und Gretchen am Brunnen - wie sie ihre Weißwäsche waschen und dabei das Schicksal der "gefallenen" Mädchen besiegelt wird.</P><P>Und Walpurgisnacht? Na ja, wann und wo hätte man die schon schon mal richtig gut gesehen. Überzeugend gut aber ist in Augsburg Katharina Quast als Gretchen. Anrührend, wie sie das schöne, stämmige, adrette Kleinbürger-Blondchen zur großen tragischen Figur wandelt. Diese Tragik bleibt Thomas Schneider als Titelheld am Ende schuldig, weil er die Liebe und damit die eigene innere Zerrissenheit nicht glaubhaft machen kann. Er ist zwar in leiser Komik ein wunderbarer alter Faust - das leicht trottelige, kauzige, besessene Genie, das plötzlich versäumtes Leben nachzuholen versucht. Aber zu einem Jüngling wird er nicht, wenn ihn auch die Fangopackungen aus der Hexenküche dazu verleiten, splitternackt über die Bühne zu wetzen. Umso jünger, und vom darstellerischen Vermögen her eigentlich noch zu jung, ist dafür der Mephisto des Thomas Peters', der sich achtbar schlägt.<BR>Dennoch gilt für alle: ein hoch respektabler Beginn für die neue Spielzeit. Also: morgen Augsburg. . .</P><P>Nächste Vorstellungen: 27., 28. 9., 3., 5., 8., 10., 11. 10. Tel. 0821/ 324 49 12.<BR></P>

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