Fantasie oder Missbrauch?

- An den Wänden kratzen und drücken kann sie, so viel sie will. Aber Senta ist eingemauert, gefangen in einer hohen Treppenhalle, in diesem um eine imaginäre Querachse gespiegelten Raum ihrer Visionen. Es scheint das Ende. Oder wiederholt sich gleich alles von vorn? Zur Gänze wird das Trauma des Mädchens mit Matrosenkragen nicht erklärt: Waren's nur übertriebene Vatervergötterung, krankhafte Fantasie? Oder doch Kindesmissbrauch?

Gleich mehrere Stärken spielt dieser "Fliegende Holländer" aus, der bei den Bayreuther Festspielen mittlerweile im dritten Jahr läuft: Claus Guth (Regie) und Christian Schmidt (Ausstattung) haben sich tief in Freud & Co. versenkt und eine Grundidee destilliert. Die führen sie mit präzise gezirkelten Bewegungen, klug dosierten Bildwirkungen und einer überlegen rhythmisierten Inszenierung aus, halten das auch noch konsequent durch und bescheren so einen Krimi, bei dem es der Zuschauer nicht wagt, zweieinviertel Stunden lang den Blick von der Bühne zu wenden.

Kleine Änderungen verstärken in diesem Jahr den Eindruck eines bedrohten Mädchens, sichern den Bildern mit der Doppelperson Daland/ Holländer und der in mehreren Lebensphasen auftauchenden Senta größere Intensität.

Neu ist Jukka Rasilainen in der Titelpartie, der einen zuletzt nurmehr vokal grimassierenden John Tomlinson ablöst. Rasilainen, in München schon als Mandryka aktiv, fügt sich zwar nahtlos in Guths Konzept, hat aber nicht das stimmliche Format für die Partie. Der Gestaltungswille ehrt ihn, der stumpfe Bariton, mit dem er manchmal gefährlich ungeschützte Töne produziert, irritiert eher.

Doch ist dies wohl das Los einer Produktion, die - bis auf die untadeligen Jaakko Ryhänen (Daland) und Norbert Ernst (Steuermann) - szenisch starke, aber musikalisch allenfalls solide Sänger versammelt. Adrienne Duggers hochdramatischer, etwas charakterloser Sopran produziert vor allem am Ende Imposantes, allerdings gerät die Stimme bei feiner Linienzeichnung gern außer Fassung. Endrik Wottrich, verärgert von Schlingensiefs "Parsifal" nun wieder beim "Holländer" gelandet, wäre mit seltsam verengtem Tenor beim Schönheitspreis chancenlos. Dennoch liegt ihm die unangenehm hohe Erik-Partie in der Stimme (vielen anderen nicht), zudem gibt er glaubhaft den bulligen Liebhaber, der an Sentas Wahngebilden verzweifelt.

Als ob einer den Schalldeckel entfernt habe, so lässt es Marc Albrecht im Graben gischten, nimmt dabei auch kleine Wackeleien in Kauf. Was aber kaum ins Gewicht fällt, hat doch seine Interpretation noch gewonnen: Der Furor klingt nun gewichtiger, Guths Grusel-Momente beantwortet Albrecht mit einer fahlen, schleichenden Gefährlichkeit, um im Schlussbild mit dem phänomenalen, ungewöhnlich spielfreudigen Festspielchor aufzutrumpfen.

Verhaltener Jubel für die Sänger, Claus Guth und Christian Schmidt wurden von einem wohl unerwarteten Buh-Sturm gezaust. Gewiss: Seemannsgarn bietet dieser "Holländer" nicht - doch hat er alle Voraussetzungen fürs Prädikat "legendäre Aufführung".

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