Fantastische Licht-Mysterien

- Nach einer Pause von mehr als 40 Jahren begann der Maler Christian Schad (1894-1982) 1960 erneut mit Licht-Bildern ohne Kamera, Linse und Negativ auf entsprechend sensibilisierten Papieren, so genannten Photogrammen oder auch Schadographien, wie der Dadaist Tristan Tzara sie nannte, als Schad 1919 in Genf eine erste Serie auf Tageslicht-Kopierpapieren zustande gebracht hatte. Bei der Wiederaufnahme dieses Verfahrens - nun in Aschaffenburg und bald darauf in einem eigenen Atelierhaus über dem Spessartdorf Keilberg - konnte er nicht mehr im Tageslicht mit aufgelegten Objekten auf hoch empfindlichen Kopierpapieren hantieren - es gab sie nicht mehr. Schad musste nun - "sozusagen blind" - in der Dunkelkammer arbeiten, "mich ganz auf meine Fantasie und meine Vorstellung von dem, was ich machen wollte, verlassend. Das Ergebnis wurde erst im Entwicklerbad sichtbar, wenn nichts mehr zu verändern war."

<P>Der in Rottach-Egern ansässige Kunsthändler und Verleger Günter A. Richter brachte seit 1975 sieben Folgen mit Schads signierten Radierungen und neuen Photogrammen sowie zwei Künstlerbücher heraus. Die Gespräche während der fast 40 Begegnungen mit dem Künstler mündeten in seine Mitarbeit an der 1997 vom Münchner Lenbachhaus übernommenen Zürcher Schad-Retrospektive und in seine soeben erschienene Monografie zu Leben und Werk (Edition G. A. Richter, 78 Euro).<BR><BR>In der Rosenheimer Städtischen Galerie zeigt Richter jetzt Schads frühes, noch expressiv pastoses Bildnis einer "Chantal" genannten Unbekannten von 1919 und das 1970 im Nachklang des peniblen Realismus früherer Jahrzehnte gemalte Doppelporträt "Jutta", dazu einige Zeichnungen im klassischen Feinstrich sowie mancherlei Druckgrafik und zahlreiche Photogramme, außerdem in einer Art Anhang weitere "Fotos ohne Kamera" von drei Österreichern aus jüngster Zeit. Hans Kupelwieser bevorzugt eine zeichenhafte Geometrie; Werner Schnelle bildet Lichtspuren; Franz Lischinger huldigt dem Bauhaus-Meister Moholy-Nagy mit adäquaten Licht-Spielen. Schad hatte 1962 in einem Pariser Antiquariat den schmalen Band der Prosagedichte "Gaspard de la nuit" des früh an der Schwindsucht gestorbenen Dichters Aloysius Bertrand (1807-41) entdeckt. Über 15 Jahre beschäftigte er sich damit in Form seiner assoziativ surrealen Schadographien. "In der Umarmung Gottes", so resümierte Bertrand, sei die Kunst zu finden. Es ist die romantische Fantastik eines E. T. A. Hoffmann, zu der Schad in seinen Licht-Mysterien gelangte. Nachtstücke sind es, in denen sich Geheimes gar flüchtig offenbart.<BR><BR>Als Auflagenobjekte sind das "Prints", keine Unikate. Acht der wenigstens 25 erhalten gebliebenen Schadographien von 1919 werden als Reproduktionen dargeboten. In der Münchner Retrospektive von 1997/98 waren immerhin 18 Originale zu sehen. Leider verzichtete die Rosenheimer Galerie auf zahlreiche von G. A. Richter katalogisierte Radierungen.</P><P>Bis 23. März, Di.- So. 10-17 Uhr, Begleitbuch, 29,80 Euro. Tel. 08031/36 14 47.<BR></P>

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