Fantastische Reise in des Königs Traumwelten

- Ob der Kini diesen Umzug vom Premierenort Füssen in die von ihm gehasste Residenzstadt bewilligt hätte? Das Publikum jedenfalls hat die Ankunft von Franz Hummels und Stephan Barbarinos "Ludwig"-Musical (1999) jetzt im Deutschen Theater enthusiastisch gefeiert - nach 3D-Flügen über bergig grünes Allgäu, vorbei an Schloss Neuschwanstein, Hohenschwangau und Ludwigs nie erbauter Märchenburg Falkenstein. Für Ludwig-Fans sowieso, aber auch für Technik-Freaks ein Muss. Keine Mogelpackung also, diese "Münchner Fassung".

Suche nach dem Paradies

Das ist schon verführerisch süffig, was Experten für Raumfahrttechnik, Robotik und Animation hier ausgetüftelt haben. Paradoxerweise ist es diese Hochtechnologie, die dem Märchenkönig-Musical mit seinem Querschnitt durch bayerisch-preußische Kriegspolitik, Hoftratsch, Sisi-Romanze, Wagner-Freundschaft und tragisches Ende einen Focus gibt, den Zuschauer körper-sinnlich hineinführt in das Hauptthema: "Sehnsucht nach dem Paradies".

Ein bisschen muss man natürlich die offizielle Geschichte und die private Vita hier einholen, zumindest ab der frühen Thron-Besteigung 1864. Und da schreitet die Inszenierung, trotz Straffung der Füssen-Version, nur behäbig voran: die Minister, ihre Verlobungsintrige, die Federbusch-Gesandten, die hölzern vorgeführten Pappmaschee-Bomben und Paravents für eine Wagner-Cosima-Intimität, diese ganze Möblierung mit Plüschpersonal und -objekten eben, aber ohne irgendeine Operetten-Leichtigkeit. Gerade wo Franz Hummel viel näher an der Operette als am Musical komponiert hat. Hummel hat den Stoff auf subtil ironische Art ernst genommen, komponierte mit zulässigem Verzicht auf Ohrwürmer dennoch farbig hin auf Geschlossenheit von Handlung und Stimmungen: die Holde-Kunst- und Weltschmerz-Arien für Ludwig, den Jon Goldsworthy als dezenter Sänger-Darsteller gibt.

Die Duette mit Gabriele Schmid, einer etwas auch stimmlich spröden Sisi. Polka, Märsche, viele Walzer für die hübschen Krinolinendamen. Mehrere Sirenengesänge für die drei Ludwig umsäuselnden Exotik-Traumgeister und einen von Pascale Chevroton Riverdance-knackig choreographierten Schuhplattler. Sonst hätte es ruhig einen Tick mehr Tanz sein können. Ziemlich perfekt gelungen die gleitenden Übergänge zwischen Live-Musik unter Dirigent Bart Berzonsky und den zugespielten Hummel-Aufnahmen vom Moskauer Sinfonieorchester, dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn und dem viva nova chor München. Da wird sozusagen ein bisschen getrickst - aber mit blendendem Soundeffekt.

Aber was den Pep der Handlung betrifft, da geht es erst los mit der operettigen Spritzigkeit von Katy Schröders Prinzessin Sophie: ihre Offenbach-Barcarole hinreißend falsch gesungen, zwecks Lösung der Verlobung mit Ludwig und Happy-End mit Fotograf Hanfstaengel, in dem man den Ex-Tänzer Martin Sommerlatte der Bayerischen Staatsoper erkennt.

Und dann süchtig machend die Verschmelzung von Marc Deggelers höfischen Bühnenbildern mit den luxuriösen virtuellen Welten auf der Leinwand: 3D-Brille auf (kostenlos bei Eintritt), und schon schwebt man durch Prachtsäle, wandert mit Ludwig und Wagner durch den fantastischen Wintergarten auf dem Dach der Residenz (1897 abgerissen). Kokospalmen, Blumen, Zwitschervögel, sogar ein trompetender Elefant, der dem Phantasten jedoch realiter nicht gestattet wurde. Und schließlich Ludwigs Hineinschreiten in den Starnberger See. Ende? Nein! Wir tauchen mit ihm unter zwischen flutschenden Fischlein und entschweben mit ihm ins sternenübersäte All. Wer jetzt dem Phänomen Ludwig nicht näher gekommen ist, der schafft's nie.

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