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Das Erfolgsrezept der Fantas: Nonsens und Nachdenkliches

Zum 25. Band-Geburtstag  

Fantastische Vier: So klingt das Jubiläums-Album

München - Die Fantastischen Vier liefern zum Jubiläum mit „Rekord“ ein Album, das vertraut und experimentell zugleich klingt. Ein paar Schwächen hat es aber doch.

Das Ziel ist klar: Hauptsache, sich nicht selbst kopieren. Bei der Echo-Verleihung Ende März stellten die Fantastischen Vier – passend zum neuen Albumtitel – einen Rekord auf: 25 Songs spielten sie in 250 Sekunden.

Dieses Medley, erhältlich als Musikdownload, gewährt einen Einblick in die musikalische Entwicklung der Band und nimmt den Zuhörer mit auf eine Reise in die Vergangenheit von Smudo, Thomas D., Michi Beck und And.Ypsilon. „Wir haben einfach mehr Zeit miteinander verbracht als ohne einander“, sinniert Thomas D. zum 25. Geburtstag der Gruppe, der Silberhochzeit der Fantas.

Na klar, „Die da?!“ darf in diesem Potpourri nicht fehlen, immerhin sorgte der Song über die Frau, die freitags nicht kann, für den Durchbruch der Rapper – und damit des deutschsprachigen Hip-Hops: „Ist es die da, die da am Eingang steht oder die da, die dir den Kopf verdreht?“.

Es war ein erfolgreiches Vierteljahrhundert für die Band aus Stuttgart, und die Veröffentlichung des neuen Albums „Rekord“ ist ideale Gelegenheit, um zurückzuschauen: Denn kaum eine deutsche Band besteht so lange wie diese, schon gar nicht im Hip-Hop-Genre. Kein Wunder also, dass sie in „25“ auf der neuen Platte rappen: „Köpft den Champagner/ ihr könnt gern gratulieren.“

Nach „4 gewinnt“, dem ersten Erfolgsalbum, poppig und bunt, legten sie die ernsthaftere Produktion „Die 4. Dimension“ nach, in der sie, so Smudo, zeigten: „Wir sind ja eigentlich ganz anders.“ Selbsternanntes Lieblingsalbum der Gruppe ist „Lauschgift“, kaum verwunderlich bei Songs wie „Populär“ und „Krieger“.

Schon hier feierten sie ausgelassen die eigene Existenz, etwa in „Was geht“: „Schau zurück, man/ schon ein paar Jahre her/ da war das Plattenfach mit Rap in deiner Sprache noch leer/ Jetzt sag mir, wer stand da als Erster drin/ wer hatte Recht, als er behauptete vier gewinnt?/ Das war’n wir, mein Kind.“ Mit „4:99“, „Viel“, „Fornika“ und zuletzt „Für dich immer noch Fanta Sie“ setzten sie ihr Erfolgsrezept fort: Die perfekte Mischung aus ernsten, nachdenklichen Texten und spaßigen Nonsens-Liedern, unterlegt mit elektronischen Beats und geprägt durch die Gabe, sich selbst im ganz großen Stil auf die Schippe nehmen zu können. Grandiose Arroganz, das ist ihr Ding – und das ist absolut positiv gemeint.

„Wir haben den unbedingten Willen, uns nicht wiederholen zu wollen“, erklärt Thomas D. zwar – auf „Rekord“ covern sie aber für den Refrain von „Typisch ich“ ihren eigenen Song „Schnauze“ vom vorherigen Album: Mit seinem gewöhnungsbedürftigen Klang gehört das Stück eher zu den schwächeren auf der Jubiläums-CD.

Sie können sich selbst aufs Korn nehmen - und austeilen

Kann man nach 25 Jahren überhaupt noch Neues präsentieren? Was bleibt übrig nach acht Studioalben, diversen Preisen und unzähligen Singleveröffentlichungen? Eine ganze Menge, hört man sich die neue Platte der Väter des deutschen Raps an, die als Erste auch kommerziellen Erfolg mit deutschsprachigem Hip-Hop hatten.

„Rekord“ beschäftigt sich vor allem mit der Frage, worüber es noch zu reden gilt, wenn gefühlt schon alles gesagt wurde. „Du möchtest Daddys Mikrofon, aber ich geb es nicht ab“, rappt Michi Beck frech wie eh und je in „Das Spiel ist aus“ mit Schlagzeugsound und Original-Fußballkommentar.

„Du möchtest endlich auf den Thron, doch nur daneben ist Platz.“ Die Fantastischen Vier präsentieren sich in ihren Liedern außerdem als Rap-Opas, erzählen von Hörgeräten und Sehproblemen. Mal gewitzt, mal nahezu melancholisch.

Dass sie sich nicht nur selbst aufs Korn nehmen, sondern auch gut austeilen können, zeigen sie in ihrer gewohnten Anti-Gangster-Rap-Manier. Denn das Gehabe von Musikerkollegen mit Stiernacken und Brutalo-Auftritten ist den Fantas schon immer fremd gewesen. Mit cleveren Reimen und ohne allzu viele Kraftausdrücke pöbeln die Vier gegen Hipster, Facebook & Co.; wie in „Lass sehen“, in dem sie Materias Hit „Kids“ nachahmen: „Alle ham ’n iPhone, ich hab Langeweile/ keiner will vorbeikomm’, jeder will dabei sein.“

„Und los“ ist eines der Glanzstücke des Albums mit Ohrwurm-Melodie, eingängigen Beats und positivem Umgang mit der eigenen Band-Geschichte: „Yeah – das Leben war gut/ atme durch, nimm noch ’n Zug.“

Fans von Thomas D., dem spirituellen Kopf der Bande, können sich auf die Fortsetzung von dessen eigenen Kompositionen freuen. Nach wunderbaren Stücken wie „Krieger“ und „Millionen Legionen“ tritt der Song „Gott ist mein Zeuge“ zwar in große Fußstapfen – kann aber dank gefühlvollem Text und seelenschmeichelnder Stimme überzeugen.

Klar, an „Krieger“, bei Auftritten vom schrägen Vogel geradezu berauschend mit freiem, tätowiertem Oberkörper performt, kommt dieses Lied nicht heran – aber welches Stück schafft das schon?

Das neue Album hält die Waage zwischen ironisch und selbstverliebt, liefert überwiegend gute Texte mit Beats, die teils altvertraut klingen, teils experimentell daherkommen. Eine gelungene Jubiläums-Produktion also – mit wenigen Schwächen.

Perfektion streben die Vier aber sowieso nicht an: „Lass alles stehen und liegen, schmeiß es weg wenn es zu perfekt ist/ nur oberflächlich wirkt Perfektion nicht hohl und hässlich/ aus gutem Grund, denn dieses Leben ist doch viel zu bunt.“

Die Fantastischen Vier: „Rekord“ (Columbia).

Die Fantastischen Vier treten am Dienstag, 13. Januar, in der Münchner Olympiahalle auf. Karten gibt es unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

Julia Haller

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