Fantastische Welten

- In einem Kubikmillimeter Hirnrinde des Menschen sind "sechs Kilometer Kabel verlegt", steht geschrieben in einer der Schubladen des Wissens. Sie zieht der Besucher der Ausstellung "science + fiction" aus Stelen, die locker im Saal verstreut stehen. Obendrauf eine Vitrine, zum Beispiel mit einem Gehirn als Feuchtpräparat. Die Volkswagenstiftung ist derzeit zu Gast in Münchens Deutschem Museum mit der Schau, die sich "Zwischen Nanowelt und globaler Kultur" bewegen möchte, also zwischen dem Atom- beziehungsweise Molekül-Winzigkleinen (Nano: griechisch für Zwerg) und der großen, weiten Welt. Eine verbissene Lehr-Aktion wollten die Kuratoren Thomas Spring und Stefan Igelhaut nicht präsentieren, deswegen werden die Forschungsergebnisse und Denkansätze leichthin serviert. Das macht Spaß und schreckt nicht ab.

<P>Auf diesem hübschen Appetithäppchen-Büfett wird auch Kunst serviert. Das gibt man liebenswürdig als Kooperation aus, es ist aber doch getragen von einer gönnerhaften Arroganz der naturwissenschaftlichen Sicht. Ein paar Künstler durften die Themen der Exposition illustrieren - und haben die Aufgabe befriedigend bis spannend gelöst. Haben schon mal Physiker oder Neurologen anhand von Rubens-Gemälden oder Bruce-Nauman-Videos geforscht? Ohne es selbst zu bemerken und zu wollen, beschreibt die Ausstellung die Kluft zwischen Kunst und Wissenschaft. Die eine ist frei - mitunter bis zur scheinbaren Selbstaufgabe als Dienstleister solcher Präsentationen - und bewusst machtlos, die andere unfrei auf (oft scheinbaren) Nutzen fixiert, aber wirkungsmächtig. <BR><BR>Der Traum, dass Science-Fiction Science-Fact wird, den der neue Museumschef und Nano-Forscher Wolfgang Heckl zitiert, ist ein Albtraum. Fiktion/Kunst darf alles, weil sie gar nicht Realität werden will; Wissenschaft jedoch darf eben nicht alles dürfen, weil ihre Ergebnisse auf Verwirklichung zielen. Diese Problematik wird am ehesten spürbar bei der 3D-Animation der Münchner Künstler M+M (Martin De Mattia, Marc Weis). In zwei einander zugewandten Containern läuft ein befremdlicher, quasi im All schwebender Science-Fiction-Film vom Forscher-"Gott" und seinem künstlichen Wesen. Bemerkenswert an der Arbeit ist, dass nicht nur Vorstellungen von Wissenschafts-Hybris bedient werden, sondern auch dass der Film an sich selbst zeigt, wie Fiktion konstruiert wird. Diese aufklärerische Haltung strahlt wohltuend aus auf Wesenheiten von Meister Yoda aus "Krieg der Sterne" bis zu ordentlich "gestrickten" Nano-Mustern von Molekülen.</P><P>Bis 9.1.05, Infos auch zum Begleitprogramm: Telefon 089/ 21 79 1.</P>

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