Die Farbe als Vemittlerin der Freiheit

Pinakothek der Moderne: - Vor 70 Jahren, im Sommer 1937, eröffnet Adolf Ziegler in den Münchner Hofgartenarkaden eine Ausstellung, die über drei Millionen Besucher anziehen wird. Zu sehen sind Bilder, Graphiken und Plastiken von Künstlern wie Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner, Max Ernst. Doch die Werke sind von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, die Schau trägt den Titel "Entartete Kunst". In seiner Rede spricht Ziegler von "Erschütterung und Ekel". Viele der Kunstwerke werden in der Folge verbrannt, die Künstler erhalten Malverbot.

Elf Jahre später, New York: Am 11. September 1948 -­ 53 Jahre vor den Anschlägen auf das World Trade Center ­- prallen Hunderte von Zugvögeln gegen das Empire State Building. Sie fallen tot vom Himmel auf die Straße.

In diesen beiden, für sich unglaublichen Vorgeschichten verbinden sich zwei neue Ausstellungen in der Münchner Pinakothek der Moderne -­ eine kleine Werkschau des für "entartet" befundenen Malers, Bildhauers und Schriftstellers Otto Freundlich (1878-1943) sowie eine Retrospektive des Belgischen Medienkünstlers Johan Grimonprez (geboren 1962). Beide Ereignisse zerstörten eine Utopie von Freiheit.

Es war Otto Freundlichs Bronzeskulptur "Der neue Mensch" (1912), die man 1937 für das Titelblatt des Katalogheftchens wählte. Ein bitteres Denkmal für Freundlich, der im März 1943 im Konzentrationslager Lublin-Majdanek ermordet wurde.

Im Mittelpunkt der Schau in der Pinakothek der Moderne, angesiedelt in der Schnittmenge zwischen Max Ernst und Joseph Beuys, steht nun eine andere Skulptur: das verschachtelte Bronzemonument "Ascension" von 1929 (Schenkung der Theo Wormland Stiftung).

In Nachempfindung der Ateliersituation auf einen Sockel aus weißem Baustein gehoben, überschaut sein langer Kopf auf dünnem Hals einige der späten Ölbilder und Gouachen des abstrakten Künstlers, der in München und Berlin studierte, den Großteil seines Lebens jedoch in der Pariser Avantgarde verbrachte.

Das geometrische Wechselspiel von Skulptur und Malerei setzt sich im Nebenraum fort, wo sich besonders in der "Sculpture Architecturale" (1934/35) das beliebte Formenduell des Malers und Bildhauers zwischen stabiler Fläche und fragiler Kleinteiligkeit äußert. Dem Schriftsteller Freundlich, der sich dem Traum vom freien Individuum in der sozialen Gemeinschaft auch im Wort verpflichtete, widmen sich indes einige Textborten an den Wänden. Die Farbe sei die "Vermittlerin und Sichtbar-Macherin der Freiheit", liest man dort etwa.

"Maybe the sky is really green, and we‘re just colorblind" (Kann sein, dass der Himmel in Wirklichkeit grün ist und wir farbenblind sind): Unter ein Zitat von Bart Simpson stellt Johan Grimonprez seine neue Videoarbeit, eine Sammlung medialer Gewalt-Kuriositäten.

Wie die Videocollage "Dial H-I-S-T-O-R-Y", die den Künstler 1997 auf der Documenta X schlagartig bekannt machte, changieren seine Filme zwischen Realität und Fiktion; in seiner Bilderwelt lebt die surreale Entfremdung. So auch im titelgebenden Werk der luftig-himmelblauen Münchner Retrospektive, "Looking for Alfred": Mit dem Vogelsterben von 1948 und René Magrittes Bildquartett "Der Schlüssel der Träume" von 1930 im Hinterkopf treibt Grimonprez die emblematischen Identitätsspielchen Alfred Hitchcocks ad absurdum.

Im Vorfeld veranstaltete er Castings für Lippen schürzende, Zigarre rauchende, Instrumentenkoffer tragende Hitchcock-Doubles. Im Film multiplizieren sich dann auch andere Markenzeichen ­ Kaffeetasse, Vögel, Melone, Regenschirm ­ zu einer spannenden Jonglage und witzigen Hommage.

Bis 19. August, Di.-So., 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr.

Der Grimonprez-Katalog kostet 35 Euro.

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