Die Farben "offen lassen"

- Seit der Blaue Reiter die Herrschaft im Lenbachhaus übernommen hat, regiert dort die Farbe in all ihren strahlenden Varianten. Und das, obwohl der Hausherr Lenbach doch vor allem Braun in Braun malte. Jetzt prunkt man farblich mit Franz Marc in einem überschäumenden Groß-Panorama. Die stille und lehrreiche Pendant-Schau dazu liefert der US-amerikanische Maler Phil Sims (Jahrgang 1940). Nimmt man bei Marc die Eigenständigkeit von Farbe nur unterschwellig als Lustgefühl an sich wahr, macht uns Sims' Arbeit bewusst, wie Farben funktionieren. Der Ausstellungstitel "Emotion of Color" trifft im Grunde auf beide Künstler zu.

Wenn wir uns bei Marc ein kulinarisches Schauen angewöhnt haben, reizt uns Sims zum forschenden Schauen, stachelt dazu an, Entdeckungen zu machen. Solch ein Seh-Training käme auch Marcs Geheimnissen zugute. Phil Sims hat seine Gemälde in die Räume des Lenbachhauses komponiert; die Fenster sind nicht verhängt; ein anderes Neonlicht wurde installiert; und eine Extrawand rückt ein Großformat nahe an den Betrachter heran.

Den Einstiegs-Akkord geben drei "normale" Formate mit Mauve, Braun und Elfenbein, daneben größer und heiterer ein helles Grün und das Blau bayerischer Bauernschränke. Die matten Oberflächen schlucken Licht und geben nur widerstrebend die "Schrift" des Mal-Aktes preis. Sims will, wie er sagt, die Farben "offen lassen". Und so sind die monochromen Flächen gar nicht einfarbig, sondern bestehen aus vielen Schichten; wie übrigens an den Bildkanten deutlicher zu erkennen ist. Die Pigment-Schleier ergeben zum Beispiel ein unbeschreibbares Lila,  das  einmalig  ist und bei jedem Hinschauen, bei jedem Menschen wieder anders ist. Raffiniert das Duett dieses Violetts mit einer weiten Fläche aus Braun- und Rottönen, die in zarten Längsbahnen auftauchen und verschwinden. In der feinen Körnung des Bildes erahnt, wer ganz genau hinblickt, allerwinzigsten Sternenstaub.

Materie und Gefühl

Farbe ist also nicht nur Physik, aber auch nicht bloß Gefühl und Erlebnis bei Sims, sie ist auch Materie, und zwar in dem Sinne von Handwerksmaterial. Sie zeigt sich mal stumpf und aschetrocken wie ausgedörrter Schlamm, mal durchscheinend mit zartem Schimmer. Und auch vom Hand-Werker erzählt die Farbe: bei Phil Sims dezent und bescheiden, denn er stellt die Kunst, nicht den Macher in den Vordergrund.

Bis 12.2.2006, Tel. 089/ 23 33 20 00, Katalog: 19 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare