Der Farbenflüsterer

- Lichtpunkte ziehen magische Bahnen (Hans Schork). Papiertüten ergründen mit Idolnamen den fertig verpackten Sinn des Seins (Anne Wodtcke). Der Mensch selbst wird in Zeichnungen und Fäden in einem Schaukasten verspannt (Christine Steiner). Im Foyer der Münchner Galerie der Künstler zeigt sich, wie hintergründig Kreativität ist. Dabei würde man eigentlich das komplette Chaos erwarten. Kein Kurator, keine Jury, keine Vorab-Auslese gibt es hier. 231 von 1026 im oberbayerischen Berufsverband organisierten Künstlern präsentieren sich bei der Jahresausstellung mit je einem Werk.

<P>Durch das Dickicht scheint sich ein roter Faden zu ziehen: moderner Auftakt, modernes Ende, dazwischen die ungeheure Bandbreite der Malerei. Am schönsten aber ist die Garnierung mit Skulpturen, die zwischen dekorativem Schein und bösartigem Biss changieren. "Sacrum und Profanum" (Hannelore Sahm), ein leuchtender, mit blauen Glassplittern besetzter Tierschädel neben den Knöchelchen auf Mulch, steht für dieses Wechselspiel. </P><P>Daneben befasst sich der makabre Tanz der Plastik-Skelette im Regal mit morbider, unerfüllter Erotik (Constantin Louis). Bevor im letzten Raum endgültig das Reich des Schönen, des Vergänglichen, des Transzendenten angesprochen wird: Das "Natternhemd" (Charlotte Vögele) aus Folie ist eine weibliche Büste und baumelt als laszive, durchscheinende Hülle im Fenster.<BR><BR>Der Künstler heute also verschließt nicht Augen, Ohren und Nasen vor bloßem Schein. Er seziert ihn. Karl Botond malt die drei berühmten Affen, die diesmal aber sehen und hören wollen. Der letzte schreit mit weit aufgerissenem Maul. Neben vielen abstrakten Sichtweisen fällt er auf, ebenso wie einige wunderbare Übergänge von Landschaft ins Seelische.<BR><BR>Politisch motivierte Werke sind selten</P><P>Es gibt Farbenflüsterer, spartanische Tänzer und eruptive, glutvolle Maler, es gibt beachtenswerte Materialexperimente, die fast dem Relief zur Ehre gereichen, Schneelandschaften oder Krokodilsrücken aus der Fläche schälen und Mond-Erscheinungen greifbar machen. Selten ist die politische Motivation - wie bei den Pin-Ups auf Fliegerflügeln (Joss Bachhofer). Sarkastische Querbezüge könnte man da zu jenem Holzbild mit blutroten Verletzungen erkennen, Christian F. Hoetschels "Zeit-heilt-Wunden". Da kommt dann am Ende doch Michalls "Kultträger" mit Helm und Cola-Dosen wie gerufen . . .</P><P>Bis 11. Januar, Telefon 089/ 22 04 63.<BR></P>

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