Ritter Lancelot (Patrick Nellessen) im Reich von König Artus. Foto: Hilda Lobinger

Farbig, sinnfällig, schwungvoll

München - Jochen Schölch und seine Schauspielstudenten wagten sich an Tankred Dorsts „Merlin“. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Wer auf Jochen Schölchs Theatermethode abfährt, für den ist sie der pure Suchtstoff. Diese (fast) leere Bühne, auf der alles, was im Moment gebraucht wird, wie aus dem Nichts entsteht und sich auch sofort wieder verflüchtigt, als wäre da nie etwas gewesen. Dieser Anspruch, von der reinen Physis der Schauspieler die Aussage des Stücks einzufordern. Dieses Vertrauen ins schlagend konzipierte Bild, womit eben nicht Materialien, sondern bewegte Körper gemeint sind, dieses Beharren auf einer genauen Form, die das Ungefähre des Dahin-Spielens ausschließt: Es ist bei jeder Schölch-Arbeit das Glück des Zuschauers. Auch bei Tankred Dorsts großem Welttheater „Merlin“, einer Mammut-Aufgabe, der eher die Gedankenfülle, die überbordende Fakten- und Zitatenseligkeit (selbst noch in der stark eingestrichenen Fassung) zu schaffen machen als der kleine Spielort.

Christel Wein hat den Raum des Metropoltheaters mit einem roten Rahmen und Laufstegen versehen, die zwei mit Steinen belegte Spielflächen begrenzen und an das Prinzip des japanischen Kabuki-Theaters erinnern. Hier ist alles möglich, und so spielen sich Hass und Liebe, die Artus-Tafelrunde, Merlins Zwiegespräche mit dem Teufel, Mutter-Sohn-, Sohn-Vater-Konflikte, Treue und Verrat, Schlacht und Kumpanei farbig, sinnfällig, schwungvoll theatralisch ab. Die Ritter spielen sich selber mit Kinder-Spielfiguren, die aber auch als Schachfiguren taugen. Geschickt geht Schölch mit Dorsts Vor- und Rückblenden um. Wunderbar John Lennon und Yoko Ono mit Beatles-Song. Vieles wird auch nur erzählt. Aber wie! Die Schauspieler, Schölchs Studenten der Everding-Akademie, können gut chorisch sprechen, wie überhaupt die Sprechtechnik, oft die Crux bei den Jungen, diesmal merklich höher steht (Helmut Becker). Katja Wachter hat für die Choreographie gesorgt, Heinz Wanitschek für aberwitzig gefährlich aussehende Kampfszenen.

Fast drei Stunden füllen die neun Schauspieler die Bühne, darunter der vielschichtig agierende Patrick Nellessen als Lancelot, Sarah Grunert als heiß in ihn verliebte Ginevra, die originelle Ines Hollinger mit Mut zur Hässlichkeit in vielen Rollen, Kevin Körber als erfrischend natürlicher Parzival. Maria Weidner ist ein Punk-Merlin. Gute Idee, aber ein Spielmacher, wie es der (anwesende) Autor Tankred Dorst wohl gewollt hat und wie es Peter Lühr in der legendären Dorn-Inszenierung an den Kammerspielen einst war, ist sie nicht. Wo Artus (Heiner Bomhard) von Utopien träumt und eine bessere Welt für möglich hält, weiß diese Tochter Mephistos schon allzu früh (und mit vielleicht zu ungewichtiger Mädchenstimme), dass alles im wüsten Land enden wird.

Ist man bis zur Pause animiert und hellwach, tritt das Stück später auf der Stelle. Die „Aufarbeitungen“ der verschiedenen Freunde und Feinde bringen keinen neuen Aspekt und ermüden. Der Abend lohnt sich aber wegen des Engagements der jungen Schauspieler und Schölchs Theaterkunst.

Beate Kayser

Weitere Vorstellungen heute und noch zwölfmal bis 30. Juli im Metropoltheater; Karten unter Telefon 089/ 32 19 55 33.

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