Vom Farbwind umweht

- Genau vor 100 Jahren wurde der Stuttgarter Galerieverein gegründet. Und ebenfalls 1906 veranstaltete er eine Ausstellung mit Bildern aus dem Besitz des Pariser Opern- und Konzertsängers Jean-Baptiste Fauré´. Aus dieser Schau erwarben die Stuttgarter seinerzeit Claude Monets Bild "Felder im Frühling" für die damalige Königliche Gemäldegalerie.

Dieses Doppeljubiläum nahm die Stuttgarter Staatsgalerie jetzt zum Anlass für ihre zur Großen Landesausstellung beförderten Zusammenführung von 40 Werken Claude Monets (1840-1926) aus den Jahren 1874 bis '94, leicht ergänzt durch Vergleichsstücke von Pissarro, Sisley und van Gogh.

Über Wochen hinweg am selben Motiv gemalt

Überrascht werden die Besucher zur Begrüßung von einer "Rückkehr des Frühlings" genannten Versammlung von Amoretten um einen

stehenden Nackedei, 1886 gemalt von dem damals hochangesehenen Adolphe William Bouguereau. Dieser Kitsch-Kontrast ist laut Galeriedirektor Christian von Holst ein Paradebeispiel der einstigen Salonkunst im entlegenen Joslyn Art Museum von Omaha, der Hauptstadt von Nebraska, als er sich dort um Monets wichtiges Bild "Die Wiese" (1879) bemühte.

Nach zahlreichen Absagen musste von Holst, unterstützt von Kurator Christofer Conrad, seinen Charme auf Reisen quer durch Europa und die USA sowie nach Japan persönlich einsetzen, um für fast ein halbes Jahr die gewünschten, thematisch zugehörigen Monet-Bilder loszueisen: vielfach aneinander gereihte Motiv-Wiederholungen von ergiebiger Beharrlichkeit, die sich um das Jubiläumsbild "Felder im Frühling" gruppieren.

Monet arbeitete oft über Tage und Wochen hinweg draußen in der Landschaft am selben Motiv, an mehreren gleichzeitig verfügbaren Leinwänden, bis zu sechzig Mal zur jeweils selben Stunde, um das im Wechsel wiederkehrende Licht und eine identische Farbstimmung einsetzen zu können. Mit Vorliebe von seinem Atelierboot aus schuf er seit 1872 bei Argenteuil in der Nähe von Paris die harmonisch geordneten hohen Pappeln an den Wiesen und den Haferfeldern mit ihren Mohnblumen, ab 1878 bei dem an einer Seine-Schleife nordwestlich gelegenen Dorf Vé´theuil und seit 1882 noch weiter weg in Richtung Westen bei Poissy sein berühmtes Teichgarten-Paradies. Dort hatte Monet für sich, seine Kinder und seine Gefährtin Alice, ein Haus mieten können, das später sein Eigentum wurde.

Die in Stuttgart arrangierte Abfolge beginnt mit dem aus St. Louis herbeigeholten Blick auf die das Bild durchschneidende Eisenbahnbrücke bei Argenteuil (1874). Gleich daneben öffnet sich der Weg in die Landschaft mit der in sanften Tönen horizontal gegliederten "Wiese in Bezons" und mit einer Reihe von vier Bildern aus dem Sommer 1875. Diese beschäftigen sich - im Bestreben nach formaler und maltechnischer Vollendung - mit stets demselben Ausschnitt aus einer links von Pappeln begrenzten, weiten Wiesenlandschaft bei Argenteuil. Die wenigen hier und dort angedeuteten Figuren meinen stets städtische Spaziergänger, eine Mutter mit ihren beiden Töchtern, nicht etwa arbeitende Landleute wie bei Pissarro.

Mit zwei großformatigen Studien der vom Farbwind umwehten, leicht erhöht im Sommerkleid unterm Sonnenschirm verharrenden jungen Frau - es ist die Stieftochter Suzanne - verabschiedete sich Monet 1886 vom Figurenbild. Aus dem Pariser Musé´e d'Orsay kam die nach rechts gewandte Version.

Ein Blütenbaum über struppigem Wiesengrund, eine Senke mit dichtem Mohn, Heuhaufen vor einer Pappelreihe, alte Weiden im gleißend hellen Licht, besonnte dünne Stämme am Ufer der Epte, ein mattes Leuchten an einem diesigen Tag und schließlich die Motivreihen der Mohnblumenfelder und weich vibrierenden Frühlingslandschaften von 1890-94: Monet setzte und band seine Farben in Tupfern und Strichen zu einer unruhigen, reliefartigen Oberfläche der gleichsam schwebenden Lichtbrechungen, oft im Übereinander vieler Schichten. Seine auf Harmonie bedachte Kompositionsweise stützt den poetischen Gesamtcharakter. Es ist wie beim Tanz und in der Musik: Dieser Leichtigkeit des Gelingens merkt man die Systematik des langwierigen Zustandekommens kaum noch an.

Bis 24. September täglich außer montags 10-20 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, jeden ersten Samstag im Monat als "KunstNacht" bis 24 Uhr.

Katalog: 23 Euro (im Buchhandel: 39,80 Euro); Tel. 0711/47 04 00.

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