Fast eine Zirkusnummer

- Ein Großaufgebot beim Münchner Kammerorchester: Fürs Konzert, morgen 20 Uhr, im Herkulessaal, marschieren nicht nur zwei Dirigenten auf, auch der Cellist erscheint im Doppelpack. Und dennoch gibt es dabei einen, der Dirigent und Solist in Personalunion ist: Heinrich Schiff. Zum ersten Mal musiziert er mit Christoph Poppens Truppe und zeigte sich schon nach der ersten Probe beeindruckt von der "hohen Spielqualität und künstlerischen Ansprechbarkeit".

<P>"Die Musiker sind bereit, zu Partnern einer Idee zu werden, und das ist sehr erfüllend. Deshalb freue ich mich auf die weiteren Proben und sogar auf das Konzert", flachst Schiff.<BR><BR>Als Solist und Dirigent agiert er in den Vivaldi-Konzerten, beim zweiten zusammen mit einem zweiten Cellisten, seinem Schüler David Adorjan. Danach gibt Schiff das Kommando ab an den Komponisten John Casken, der sein 1990/91 für Schiff geschriebenes Cello-Werk selbst leitet. Obwohl Schiff es mit der Northern Sinfonia ohne Dirigenten uraufführte und es mit einem anderen Solisten dirigierte, wählte er für München die dritte Variante. </P><P>Der erfahrene Cellist, der nicht nur bei Vivaldi und Haydn die Doppelfunktion erfüllte, sondern sogar bei Schostakowitsch, Saint-Saëns und Tschaikowsky, gibt zu bedenken: "Spielen und Dirigieren erfordert ein ungeheueres Maß an Aufmerksamkeit und gerät zuweilen in die Nähe einer Zirkusnummer. </P><P>Das ist bei den Rokoko-Variationen nicht schlimm, aber zum Beispiel Schumanns Konzert war mir immer zu heilig." Kurzum: "Es muss nicht mehr sein", konstatiert Schiff, der das kompliziertere Repertoire nur mit einem sehr wohlvertrauten Ensemble riskierte - eben mit "seinen" Orchestern.<BR><BR>Als der Cellist vor 15 Jahren statt des Bogens verstärkt zum Dirigentenstab griff, suchte Schiff als Chef der Northern Sinfonia und als erster Gastdirigent der Deutschen Kammerphilharmonie den engen Kontakt zu einem Ensemble. "Ich musste mir ein Repertoire aufbauen, jetzt kann ich es als reiner Gastdirigent vertiefen und verfeinern." </P><P>Obwohl er das Musizieren mit den verschiedenen Orchestern als einen Reichtum empfindet, bekennt Schiff: "Ich glaube, dass ich wieder ein Orchester nehmen würde. Ich bewundere langjährige Verbindungen und denke, dass die Kontinuität in der Zusammenarbeit auch das Hauptziel eines Dirigenten ist. Aber ein solcher Schritt will wohl überlegt sein." <BR><BR>Der Streicher Schiff muss sich als Dirigent auch mit den Bläsern (für Mozarts Es-Dur Sinfonie KV 543 dazuengagiert) auseinander setzen. "Ich bemühe mich sehr um die Bläser, eben weil ihr Instrument nicht meines ist. Alle Dirigenten wissen, wie schwer es ist, Bläserakkorde abzustimmen - es gibt ungezählte Anekdoten darüber. Der Dirigent muss versuchen, in dem Involviertsein auch die Distanz zu wahren und zu hören, wo falsch intoniert wird. </P><P>Die Kritik suchen</P><P>Viele Kollegen tun das aus Bequemlichkeit nicht. Psychologisches  Geschick  gegenüber dem (solistischen) Bläser ist gefragt - das Ganze ist Knochenarbeit." Die Heinrich Schiff auch nach 30 Jahren im Musikbetrieb nicht anderen überlässt. Vielmehr beklagt er sich, dass bei vielen Berufsmusikern Austausch und Kritik zu kurz kommen. "Man muss die Kritik sogar suchen und immer versuchen, noch etwas dazuzulernen. Viele Musiker aus der ,oberen Etage reflektieren zu wenig. Es ist unter ihrer Würde, darüber zu reden, wie man etwas besser gestalten könnte." <BR><BR>Schiff macht es sich nicht leicht und schaut auch in die eigene Zukunft höchst selbstkritisch: "Das Instrumentalisten-Dasein wird ab der Mitte des Lebens schwieriger. Der Geist mag ja besser, vielleicht sogar weiser werden, aber die Physis baut ab." Deshalb räumte er dem Cello - vor vier Jahren überstand er eine Handverletzung - wieder mehr Raum ein. Recht hat er, denn beim Dirigieren gibt es fast keine Altersgrenze. <BR></P>

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