Fast ein Münchner Künstlerfürst

- Das Licht und die Weite der Ostsee in grünblauen Tönen unter transparenten rosa Wolkenflächen: Zwei kleine Figuren staunen am Fuße dieser faszinierenden Endlosigkeit. Lyonel Feiningers Hommage an die See von 1956 - 500 000 Euro sind dafür der Schätzpreis. Kaum merklich recken sich die Kaufwilligen. Kurzes Schilderheben, der Preis springt in die Höhe. Rudolf Neumeister hat den Saal im Griff. "600 000 sind geboten. 600 000 zum Ersten, zum Zweiten, niemand mehr? Zum Dritten." Ein kurzes Klacken des Stiftes, und wieder ist ein Meisterwerk über den Tresen des renommierten Auktionators gegangen.

Sachlich, souverän, mit zwei, drei spitzen Kommentaren dirigiert die Münchner Institution das kulturelle und finanzielle Vermögen. Seine 80 Jahre sind ihm nicht anzumerken. Seit 1999 hat er eigentlich das Familienunternehmen in die Hände seiner Töchter samt Anhang gelegt. Zum Jubiläumsjahr aber regierte er am Dienstag noch einmal über den Auktionssaal: 98 Werke, von Schmuck über Möbel bis Bilder der Moderne zeigten die Bandbreite des Hauses.

"Aber jetzt sagen wir neun", ordert er vom Pult herab. Lachen im Saal. Der "Silberkönig" mit dem Händchen für wertvollen Schmuck kann das zähe Verhandeln beenden und den Diamant-Anhänger für 9000 Euro an den Mann bringen. Jahrzehntelange Erfahrung lassen ihn spüren, wo Potenzial ist. Sparwelle hin oder her. Heuer verzeichnete das Unternehmen das erfolgreichste Geschäftsjahr seit der Gründung 1958. Damals machte sich der gebürtige Münchner nach einem Jurastudium und einem Kunsthandels-Volontariat selbständig und übernahm das Auktionshaus Weinmüller.

Gleichzeitig beriet er seinen wohl prominentesten Dauerkunden: Georg Schäfer, der mit Neumeisters Hilfe die Glanzlichter des 19. Jahrhunderts für sein späteres Museum in Schweinfurt sammeln konnte. Für diese Epoche wurde Neumeister zur ersten Adresse: 1988 durchbrach Spitzwegs "Friede im Lande" erstmals die Eine-Million-Grenze. Auch jetzt gingen die humorigen Malerbetrachtungen den Weg des Geldes: 360 000 Euro für Spitzwegs "Serenade" scheint geradezu geschenkt.

Neumeister hat, zuletzt mit seinen Töchtern, das Spektrum des Hauses stetig erweitert. Teile der Schäfer-Sammlung sowie Bareiss' Afrikana zählten zu den Höhepunkten der letzten Jahre. Auf dem Weltmarkt der Kunst genauso unauffällig wie vehement zuhause, hat der Urmünchner aber trotz aller Schwankungen und Moden nie die Liebe zu Bayern und zur Münchner Schule vergessen. Und somit die Tradition der Künstlerfürsten im Bild und in persona weitergeführt.

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