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Die Einzelne und die Vielen: Szene mit Katja Bürkle (li.) aus „Totally Happy“.

Premieren an den Münchner Kammerspielen

Faszination der Masse

München - Tian Gebings chinesisch-deutsche Theater-Tanz-Performance „Totally Happy“ wurde in der Spielhalle uraufgeführt.

Das fängt ja schon gut an: „Eure Arme und eure Hände sind schwer; ihr atmet langsam und tief“, säuselt Katja Bürkle mit ruhiger Stimme. Im knallroten Kleid steht die Schauspielerin inmitten einer weißen Tanzfläche. Und während man erst noch kichert über ihren Crash-Kurs in autogenem Training, beginnt die Hypnose allmählich zu wirken: Seltsam entspannt sitzt man auf einmal da und stellt fest, dass zumindest die Augenlider schon ziemlich schwer sind...

So werden die Zuschauer also erst mal Teil eines kleinen Experiments in Sachen Massensuggestion. Denn um Massen, um Menschenmassen geht es bei dieser Uraufführung in der Spielhalle der Münchner Kammerspiele: Tian Gebing (51), Gründer und Regisseur des (freien) Pekinger Paper Tiger Theater Studio, hat eine Theater-Tanz-Performance mit dem Titel „Totally Happy“ inszeniert. Weil in der Koproduktion mit den Kammerspielen chinesische Tänzer und Münchner Schauspieler gemeinsam agieren, ist das Projekt auch eine Art Bayerisch-Chinesische Kultur-Symbiose. Aber wie sagte schon einst der große Vorsitzende (nicht Mao, sondern der unsrige): „Bayern ist wie China: ein Reich der Mitte.“ Darum ertönen an diesem Abend also nicht nur fernöstliche Klänge – sondern auch eine zünftige Tanzlmusi. Dann schwenken die Akteure Fähnchen, halten Modellautos, Bücher, Rosen, Megaphone und Maßkrüge hoch. Und wenn in Tanzszenen alle den akrobatischen Bewegungen und Verrenkungen eines Vorturners folgen, illustriert das vielleicht die Hypothese, dass die Faszination der Masse aus dem ganz ursprünglichen Nachahmungstrieb der Primaten (also auch des Menschen) herrühren könnte. Zum Ausgleich wird zwischendurch Ernst Toller zitiert („Masse – Mensch“), Elias Canetti („Masse und Macht“), Mao Zedong natürlich – sowie die Bayerische Versammlungsstättenverordnung, die erklärt: „Masse sind zwei Menschen pro Quadratmeter.“

Immer wieder gibt es auch halb berührende, halb verstörende poetische Bilder zu bestaunen. Etwa wenn sich die helle Fallschirmseide, die das Tanzpodium bedeckt, von unten aufbläht wie ein wogendes Meer, in dem die Akteure gleich Ertrinkenden in Zeitlupe rudern. Oder wenn sie sich als Menschenklumpen im Gegenlicht unter einer Nebeldusche zusammenballen. Natürlich ist auch von marschierenden Nazis die Rede an diesem Abend, ebenso wie von der chinesische Kulturrevolution – beides Beispiele für die abstoßende Gewalttätigkeit, die Massen und Massenbewegungen innewohnt. Zudem steht in den Tanzpartien oft ein Einzelner der Masse gegenüber, von der er herumgeschubst und malträtiert wird – um dann wieder nahtlos und fügsam in ihr aufzugehen, sodass man sich mit Grausen an die NS-Parole erinnert fühlt „Du bist nichts, dein Volk ist alles“.

Aber wer glaubt, dass es bei „Totally Happy“ nur todernst zugeht, irrt. Schließlich ist China bekanntermaßen das Land des Lächelns, und folglich gibt es einige hinreißend komische Szenen. So wenn Edmund Telgenkämper einen Mao-Satz auf chinesisch zitiert und allen Mitspielern (auch den Chinesen) dessen korrekte Aussprache beibringen will. Und nach dem Muster „Lost in Translation“ funktioniert auch die Nummer, in der Christian Löber in einer „Übersetzung“ irrwitzige Geschichten über den Anbau von Mangos auf chinesischen Hochhausdächern mitteilt.

Die Hypnose vom Anfang ist damit endgültig aufgelöst, und man verlässt das Theater nach einer etwas zu langen, aber oft faszinierend exotischen Aufführung schließlich doch als Glückskeks. Totally happy eben.

Langer Jubel.

Alexander Altmann

Nächste Vorstellungen

am 6., 7., 8., 13., 17., 18., 22., 30. und 31. Oktober sowie am 1. November;

Telefon 089/ 233 966 00.

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