Die Faszination von Opfern und Tätern

- Die Vergangenheit holt einen immer mal wieder ein. Für die Deutschen ist das meist unangenehm, was Binnie Kirshenbaum dann sehr leid tut. Die amerikanische Jüdin hat viele Freunde in München. Einmal erzählte ihr bei einer Party eine Bekannte, warum sie einen bestimmten Stadtteil Münchens nicht mag, und sagte vor lauter Anspannung: wegen der vielen jüdischen Kneipen. Und meinte eigentlich irische.

<P>So oft entschuldigte sich die Bekannte an diesem Abend noch für den Freud'schen Fehler, dass es Binnie Kirshenbaum selbst schon peinlich war. Die New Yorker Schriftstellerin stellte gestern im Münchner Literaturhaus ihr jüngstes Buch vor: "Entscheidungen in einem Fall von Liebe".</P><P>"Ich persönlich kenne<BR>niemanden, der diesen<BR>Krieg unterstützt."<BR>Binnie Kirshenbaum</P><P>Darin schildert sie die Affäre eines deutschen Geschichts-Professors mit der amerikanischen Historikerin Hester. Oder vielmehr die gegenseitige Faszination der Nachkommen von Opfern und Tätern des Holocaust. Grund für Hester, neben dem Körper des Geliebten auch dessen Familiengeschichte zu erforschen. Aus ihren Notizen und den Dokumenten dieser Familie setzt sich der Roman über eine "verbotene" Liebe zusammen.</P><P>Verboten? "Natürlich nehmen wir Deutschland heute als wichtigen EU-Staat wahr. Es gibt aber eine amerikanische Denkweise, die Deutschland immer noch in der NS-Zeit sieht. Weil wir doch sehr ignorant sind, was Veränderungen andernorts betrifft", sagt Kirshenbaum. Und die Reaktionen auf ihr Buch bestätigten ihr, dass es für Amerikaner immer noch etwas Fremdes ist, wenn sich "ein Deutscher und eine Jüdin" ineinander verlieben: "Die Romeo- und Julia-Konstellation mochte ich immer sehr."</P><P>Der Blick, den Kirshenbaum auf die Deutschen wirft, ist nicht immer nett: "Jemand wie Hester würde hier erst einmal alles Schlechte entdecken wollen. Sie hat ein stereotypes Bild. Mir geht es als Amerikanerin umgekehrt ganz ähnlich: Die ganze Welt hält einen für dick und dämlich und besessen von großen Autos. . ."</P><P>Kirshenbaum: "Sich nicht mit der Geschichte beschäftigen heißt, sich selbst nicht verstehen." Sie hat sogar den Eindruck, dass es ihren deutschen Gesprächspartnern manchmal "psychologisch gut tut", ihr ungefragt von der Nazi-Vergangenheit der alten Generation zu erzählen: "Es ist so ähnlich wie mit den Schwarzen in USA: Wir versuchen, über die Hautfarbe nicht nachzudenken, sind uns dessen aber stets bewusst."</P><P>Und so beschränkt sich die Autorin nicht darauf, in der Vergangenheit anderer zu kramen, sondern nutzt ihren Roman auch zur kritischen Selbstbespiegelung: Erst in der Konfrontation mit Deutschland lernt die Romanheldin über ihre Heimat: "Die Ironie Amerikas ist nämlich: Außerhalb New Yorks bist Du erst Amerikaner, wenn du akzentfrei sprichst und deine Haut weiß ist. ,American Way heißt: stark sein."</P><P align=left>Dass ihre Regierung derzeit einmal mehr die Muskeln spielen lässt, kritisiert Kirshenbaum: "Ich persönlich kenne niemanden, der diesen Krieg unterstützt." Man höre allerdings, dass die US-Regierung sehr gut darin sei, die Presse zu manipulieren. Und: "Warum sollte Bush auf Demonstranten hören, wenn er nicht einmal auf die eigenen Generäle hört?" <BR> </P><P align=left>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Entscheidungen in einem Fall von Liebe </P><P></P>

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