+
Puppenstube

Immer zur Weihnachtszeit

Die Faszination für Puppenhäuser und Puppenstuben ist ungebrochen

Wenn in diesen trüben ersten Dezembertagen die Eltern oder Großeltern heimlich den Speicher aufsuchen, kann dies den Grund haben, dass unbemerkt von den Kindern nach Puppenstuben oder Kaufmannsläden gesehen wird.

Auch wenn sich das typische Kinderspielzeug sehr geändert hat und Computerspielzeug, Handy und Smartphone auch bei den jüngsten schon Einzug gehalten haben, so haben sich einige Dinge doch bewahrt. Trotz der zunehmenden Übermacht des technischen Spielzeugs hat sich ein Teil des traditionellen Spielzeugs gehalten. In nicht wenigen Familien mit Kindern findet man noch den beliebten Kaufmannsladen, mit dem überwiegend die Buben spielten oder die Puppenstube für die Mädchen.

Eine Puppenstube oder Puppenküche war mit allem ausgestattet, was auch das reale Leben benötigte. Vielteilige Kochgeschirre, Essbestecke und richtig gehende Öfen bereiteten die kleinen Mädchen auf das spätere Leben vor. Der Umgang mit Kasse und Waage, mit Geld und Gewichten blieb dagegen dem Jungen, „dem kleinen Kaufmann“, so die Reklame der damaligen Zeit, vorbehalten. Die kleinen Miniaturwelten spiegelten die geschlechterspezifische Arbeitsaufteilung der realen Welt wieder.

Ganze Puppenhäuser eigneten sich auch zum Zusammenspiel von Mädchen und Jungen. Man konnte in den oberen Geschossen verschiedene Puppenstuben, etwa eine Puppenküche, ein Puppenbad oder die gute Stube einrichten und im Erdgeschoss fand der Krämer- oder Kolonialwarenladen seinen Platz. Auch dieser war bestens ausgestattet und bot das gesamte Spektrum eines richtigen Kolonialwarenladens. Dies fing an bei den Packungen und Schachteln für Lebensmittel wie Klöße oder Soßen über die kleinen Emailledöschen für Schuhcreme oder Tabletten bis hin zu kleinen Fläschchen für Würze oder Getränke. Die kleine Welt entsprach der großen zumeist im Maßstab von 1:10 oder 1:12.

Allerdings kam es selten vor, dass die Kinder das ganze Jahr über mit der Puppenstube spielten. Vielmehr war es doch häufig so, dass sie in den Wochen nach Weihnachten wieder gut verpackt auf dem Speicher verwahrt wurde. Die Freude auf die nächste Weihnachtszeit wurde so gesteigert und aufrecht erhalten. Denn die Puppenstube oder der Kaufmannsladen hatte dann ganz bestimmt wieder Zuwachs erhalten oder der Weihnachtsmann hatte defekte Teile repariert oder ausgetauscht. Die Freude darauf war riesengroß. Die Arbeit des Weihnachtsmannes wurde von den handwerklich geschickten Erwachsenen übernommen. Großväter und Väter waren für die Reparatur der zumeist hölzernen Ausstattung wie Schränke, Bettchen, Stühlchen und Tischchen verantwortlich; die Oma strickte oder häkelte an neuer Püppchenkleidung.

Die Faszination von Kindern an der Miniaturwelt der Erwachsenen und damit verbunden, die Welt der Erwachsenen nachzuspielen, diese Faszination ist schon Jahrhunderte alt. Erste Puppenhäuser und Puppenstuben sind bereits aus dem 16. Jahrhundert bekannt. Vermutlich wurden die ersten Miniaturen in Nürnberg, der alten deutschen Spielzeugstadt, hergestellt. Aufwändige frühe Puppenhäuser sind im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu bewundern. Diese Miniaturhäuser spiegeln alte prachtvolle Nürnberger Bürgerhäuser nach, von welchen viele durch die Kriegszerstörungen nicht mehr existieren. Als Miniatur, als Spielzeug, haben sie allerdings überlebt und geben mit ihrer Ausstattungen auch Zeugnisse des damaligen Lebens in den höheren Kreisen ab. Die Puppenhäuser und Puppenstuben der damaligen Zeit dürften allesamt Unikate gewesen sein; an eine gewerbsmäßige Massenproduktion war aufgrund fehlender industrieller Möglichkeiten, die erst die nachfolgenden Jahrhunderte boten, noch nicht zu denken. Nur die höheren, die reicheren Schichten konnten sich solch aufwändiges und auch teures Spielzeug für ihre Kinder leisten. Die Kenntnis solcher Miniaturwelten mag auch die ärmere Bevölkerung erreicht haben; diese werden sich die Puppenstübchen danach vermutlich in Eigenarbeit hergestellt oder gebastelt haben.

Von Deutschland aus haben die kleinen Spielwelten die Welt erobert. Nur wenige Jahrzehnte nach den ersten Nürnberger Puppenhäusern wurden solche auch in den benachbarten Ländern, sogar in England, bekannt.

In den Puppenhäusern und -stuben spiegelten sich alle großen Architektur- und kunstgeschichtlichen Epochen wieder. Sie geben uns heute Auskunft über die Zeit des Barock, des Rokoko, des Biedermeier bis hin zu neuzeitlichen Modeströmen etwa zur Zeit des Wirtschaftswunders der Sechziger Jahre. Und immer wieder kann an der Ausstattung dieser kleinen Welten der industrielle Fortschritt abgelesen werden. So zogen Telefon oder Glühbirne wenig später nach ihren Erfindungen bereits in die Kleinstuben ein. Das Puppengeschirr bestand, wie in der richtigen Welt, also der Welt der Erwachsenen, entweder aus Blech wie in den ärmeren Haushalten oder auch aus Kupfer wie in den besser situierten Familien; auch kurzfristige Neuerungen wie emailliertes Geschirr oder richtiges Linoleum als Fußbodenbelag zog in die kleinen Welten ein. Vielleicht sind es diese Details, die ihre Faszination ausmachen und uns in ihren Bann ziehen.

Die frühen Puppenhäuser existierten in unterschiedlichen Größenverhältnissen. Eine Einheitlichkeit konnte, insbesondere wenn die kleinen Welten in Eigenarbeit produziert wurden, gar nicht eingehalten werden. Die Frage eines einheitlichen Maßstabes ist erst später, ab Mitte des 19. Jahrhunderts, aufgekommen. Die Ausstattung in den Fabriken machte dies möglich. Seit einigen Jahren ist der Maßstab 1:12 dominierend. Die Ausstattung von Puppenhäusern wird heute in Katalogen oder Online angeboten. Man kann also auswählen und bereits anschauen, was man unter dem Weihnachtsbaum zu erwarten hat. Ein großer Teil des Charmes und der Spannung ist somit verloren gegangen. Wenn in früheren Zeiten der Weihnachtsmann den neuen Schrank bastelte oder das alte Bettchen reparierte, man nicht schon vorher wusste, wie die denn aussahen, war die Vorfreude gewiss größer als heute. Was geblieben ist, ist aber die Faszination, die von diesem und auch anderem traditionellen Spielzeug ausgeht, und die sich gerade zur Weihnachtszeit immer wieder ausbreitet.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare