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Ein Küsschen für den Regisseur: Hauptdarstellerin Diane Kruger und Fatih Akin freuen sich über den Golden Globe für „Aus dem Nichts“.

Golden Globe für „Aus dem Nichts“

Fatih Akin: „Der Oscar wäre der Hammer“

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Hollywoods Auslandspresse hat „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin mit dem Golden Globe als besten nicht-englischsprachigen Film ausgezeichnet. Acht Jahre nach Michael Hanekes „Das weiße Band“ geht die Trophäe damit wieder nach Deutschland. Wir trafen den Hamburger Regisseur vor dem Kinostart seines Dramas zum Gespräch.

Berlin – Erst Cannes, dann die Nominierung als deutscher Kandidat für die Oscar-Verleihung – und nun der Golden Globe als bester nicht-englischsprachiger Film für „Aus dem Nichts“. Regisseur Fatih Akin und seine glänzende Hauptdarstellerin Diane Kruger haben einen Lauf. Angelehnt ist der Film an die NSU-Morde – doch der Hamburger Akin hat diese lediglich als Ausgangspunkt für einen Rache-Thriller genommen. Warum, erzählt er in unserem Interview.

Ein türkischer Mann und sein Sohn werden Opfer eines Anschlags von Neonazis. Der Bezug zu den NSU-Morden ist unverkennbar. Doch dann rücken Sie in „Aus dem Nichts“ die überlebende deutsche Ehefrau und Mutter ins Zentrum. Warum?

Fatih Akin: Stimmt, es ist eine fiktive Geschichte, die sich aus der Realität bedient. Das kann man dem Film vorwerfen oder auch nicht. Aber die Realität ist wie ein Gemischtwarenladen – ich kann mir als Filmemacher die Teile nehmen, die für mich in die Geschichte passen. Und irgendwann war mir klar: Die Mutter ist die Figur, die mich eigentlich interessiert!

Eigentlich hatten Sie eine männliche Hauptfigur im Sinn.

Fatih Akin: Stimmt. Beim Schreiben ist es ja immer so: Du hast eine Motivation – in diesem Fall die NSU-Morde –, das Ding zu schreiben. Und dann ist es wie beim Billard: Eine Kugel wird angestoßen, aber ganz andere Kugeln drehen sich. Irgendwie bin ich mit einer männlichen Hauptfigur in lauter dramaturgische Sackgassen geraten. Dead End. So kam die Entscheidung: Ich mache eine Mutter daraus, die ihr Kind verliert. Irgendwann war das Innenleben dieser Figur wichtiger als das politische Motiv, mit dem ich die Reise gestartet hatte.

Mancher Kritiker stört sich daran, dass Sie sich an der Realität orientieren, dann aber die Verwicklungen mit dem Verfassungsschutz, auch die schlampige Polizeiarbeit nur andeuten und schnell abhaken.

Fatih Akin: Ich hab’s abgekürzt, weil ich den Film vorwärtsbewegen musste. Man hätte auch einen Sechsteiler machen können für Netflix oder so. Doch das Format, für das ich mich entschieden habe, war das, was mir am nächsten liegt, der Spielfilm.

Sie haben selbst die Verhandlungen des NSU-Prozesses in München verfolgt. Wie haben Sie das atmosphärisch empfunden?

Fatih Akin: Es war trocken wie Knäckebrot. Ich habe sofort erkannt: Das wird filmisch nicht funktionieren. Aber gleichzeitig hatte ich den Anspruch, realistisch zu bleiben. Das war eine große Herausforderung.

Weil die ganze Situation so unfassbar ist, redet man sich als Zuschauer ein, dass alles unrealistisch ist. Man kann kaum glauben, dass die beiden Täter freigesprochen werden – obwohl alles dafür spricht, dass sie die Bombe gebaut haben...

Fatih Akin: Tja, so ist es aber im deutschen Recht: im Zweifel für den Angeklagten. Manche mögen das als mein Statement gegen das deutsche Rechtssystem lesen, doch das war nicht meine Intention. Meine Intention war rein dramaturgisch: Wie erzähle ich meinen Rache-Thriller? Ich bediene mich bei Elementen des Spielfilms, versuche aber, wirklichkeitsnah zu bleiben. Das ist es, was am Film verstört. Wenn man jetzt einen koreanischen Rache-Thriller guckt oder einen Tarantino oder so, da gibt’s ein Einverständnis mit dem Zuschauer nach dem Motto: Leute, das müsst ihr nicht alles so ernst nehmen. Bei mir gilt das nicht, bei mir lautet die Ansage: Leute, das müsst ihr glauben. Wir haben unsere Idee einem Richter vorgestellt, noch bevor wir das Drehbuch fertig hatten. Dann sagt er: „Ja, klar, im Zweifel für den Angeklagten.“ Alles, was wir hier zeigen, ist juristisch safe. Ich hab’ meine Hausaufgaben gemacht.

Auch bei der Wahl der Hauptdarstellerin. Wieso wollten Sie Diane Kruger?

Fatih Akin: Die Aufmerksamkeit, die der Film von vornherein erregt hat, die hat ja auch mit Diane zu tun. Ich wusste nicht, dass das so aufgehen wird, aber ich habe das ein bisschen gehofft oder darauf spekuliert oder darauf gesetzt. Ich hab’ Diane nicht neu erfunden. Sie hat wahnsinnig gute Filme vorher gemacht, mit wahnsinnig guten schauspielerischen Leistungen. Beispielsweise spielt sie in „Lebe wohl, meine Königin“ Léa Seydoux an die Wand. Sie hat so eine Präsenz in dem Film, sie springt förmlich aus der Leinwand. Ich wusste, ich habe da eine gute Schauspielerin – aber dass sie das so gut macht, habe ich nicht zu hoffen gewagt.

Waren die Oscars immer das Ziel?

Fatih Akin: Nee, das erste Ziel ist immer, einen Film zu machen, für den man sich nicht schämt. Das ist schon schwierig genug, weiß Gott. Und dann kam natürlich Cannes. Im Laufe meiner Karriere habe ich das Glück gehabt, dass bestimmte Sachen von mir dort gelaufen sind. Das gibt einem Film immer so einen Multiplikator in Sachen Aufmerksamkeit und Verkauf. Aber ich kenne es auch, abgelehnt zu sein. Das ist jetzt kein Selbstgänger, das ist immer auch viel Glück.

Aber das wäre schon genial, wenn es klappen würde mit den Oscars, oder?

Fatih Akin: Wenn es klappen würde, Hammer, ja. Ist aber auch viel Glück. (Lacht.)

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