Zu faul zum Widerstand

München - Als "unersetzlich aufschlussreich" bewertet Rolf Hochhuth die neue Chronik, die Hans Magnus Enzensberger mit "Hammerstein oder Der Eigensinn" über den Reichswehr-General Kurt von Hammerstein und seine Familie verfasst hat. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth hat das Buch für unsere Zeitung besprochen.

Hans Magnus Enzensberger hat mit bedeutendem Chronisten-Instinkt eine deutsche Familie ausgesucht, die deshalb interessanter ist als weitaus die meisten im 20. Jahrhundert, weil sie erstens neben Höchstkonservativen ­ so Hammersteins Schwiegervater, General von Lüttwitz, der den Kapp-Putsch mitorganisiert hat ­ auch aktive Kommunistinnen zu ihren Mitgliedern zählt, nämlich Hammersteins Töchter. Und weil sie zweitens niederschlagend beweist: Hat ein entschlossener Usurpator bedenkenlos die Zügel der Macht an sich gerissen, so ist er innenpolitisch nie mehr abzuhalftern ­ sondern nur noch durch Krieg, durch Gegner außerhalb seines Anordnungs-Bereichs!

Hitler fürchtete einen Putsch durchs Heer

Hitler konnte durch keine noch so intelligente Opposition mehr beseitigt werden: so wenig wie Mussolini ­ obgleich man diese zwei nie vergleichen darf ­ allein durch den König noch abzusetzen gewesen wäre, sondern nur noch zu beseitigen war, weil Briten und Amerikaner den Stiefel bereits bis zur Hälfte besetzt hatten. Man liest: "Hammerstein oder Der Eigensinn" mit wachsender Resignation, weil eben der (sehr begrenzte) Eigensinn dieses Chefs der Heeresleitung nie zu Taten geführt hat!

Doch ­ nicht nur laut Hegel ­ ist der Geist nur, was er tut. Hammerstein hatte den Ruf, einen verdienten Ruf, zu allem zu faul zu sein außer zur Jagd... Man muss hinzufügen, zu seinem Glück hatte er diesen Ruf, denn sonst wäre er kaum im Bett gestorben, nur ein Jahr noch vor dem 20. Juli 1944; sondern wäre zweifellos schon wie sein Intimus, Reichskanzler a. D., General Schleicher, "im Zuge" der Röhm-Nacht einfach über den Haufen geschossen worden.

Man liest auch deshalb so resigniert, weil man endlich zugeben muss, was uns alle in der Jugend einst empörte, als Golo Mann ­ er als erster ­ nachwies, dass Hitler die Weimarer Republik nur deshalb vernichten konnte, "weil er als Politiker ihr begabtester war"! Denn nur zu sagen, ihr skrupellosester, das war er allerdings auch, griffe zu kurz. Aber ob wir's nun gern lesen ­ oder verabscheuen (und die verabscheuen, die die Republik ans Messer geliefert haben) ­ diese Hammerstein-Chronik ist gerade dort unersetzlich aufschlussreich, wo Enzensberger erzählt, was ich in dieser Zuspitzung noch nirgendwo gefunden habe: Wie Hitler, schon in der Reichskanzlei ­ aber doch, als habe er dieses Glück noch gar nicht fassen können ­, noch immer befürchtet hat, die Heeresführung werde gegen seine Kanzlerschaft putschen. Enzensberger: "Es handelte sich um eine idée fixe Hitlers."

Umso deprimierender muss man folgern: Es haben also nicht einmal Hitlers Morde am Hammerstein-Freund Schleicher und an jenem bayrischen General Lossow (Racheakt für den 9.11.1923) die "Herren" in der Bendlerstraße dazu aktivieren können, gegen Hitler zu handeln! Nein, sie haben dann zehn Jahre lang in der Bendlerstraße nur gegen Hitler konspiriert, Absetzungspläne durchgeredet, immer nur geredet ­ in der Tat ihm jedoch geholfen, den ganzen Kontinent zu besetzen, Europa k. o. zu schlagen.

Denn nicht die ach so bösen Nazis haben das getan ­ sondern die angeblich ehrenhafte preußische Armee, die selben Leute, die aus jeder deutschen Familie mindestens einen abkommandiert haben in den Tod. Denn die Nazis konnten nicht einmal Wien besetzen.

Herumredende Salonverschwörer

Wie Enzensberger aufzählt, welche Befürchtungen Hitler gegen die in Wahrheit stets total inaktiv nur herumredende Hammerstein-Salonverschwörer hegte ­ da liefert Enzensberger, was Psychologen, glaube ich, eine "Projektion" nennen: Hitler zählt nämlich auf, was alles er selber gegen die Bendlerstraße getan hätte, sie zu entrechten, wäre er nicht legal zur Macht gelangt!

Doch "seine" Generalität war dermaßen harmlos und ihm so schnell hörig, dass Hitler sich absolut auf sie verlassen konnte ­ jedenfalls so lange, wie die Generale noch nicht merkten, er werde die Rote Armee auf ihre Rittergüter bringen. Solange die Wehrmacht für Hitler siegte, nein länger, noch lange über die erste Niederlage vor Moskau, Dezember 1941, hinaus ­, solange parierten sie ihm. Töten wollten sehr wenige ihn erst dann, als auch die Dümmsten ­ nach der Kapitulation in Nordafrika ­ endlich begriffen, er führe "das Reich" in eine beispiellose Niederlage.

Ein aufregendes Buch. Ein unerheblicher Irrtum: Nicht des Kaisers höchste Orden, den Pour le mérite, tragen Lüttwitz ­ wie hätte er den verdienen sollen, in der Etappe, als Standortkommandant von Berlin? ­ und sein Schwiegersohn Hammerstein bei feierlichen Anlässen ­ im Buch als Fotos ­, sondern den Johanniter-Orden, den alle Uradligen, jeweils die ältesten in den Familien, automatisch geerbt haben, seit Jahrhunderten. Er sah dem Pour le mérite täuschend ähnlich.

Hans Magnus Enzensberger: "Hammerstein oder Der Eigensinn".

Eine deutsche Geschichte.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 376 Seiten; 22,90 Euro

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