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Das ist die Mittelalter-Gruppe Faun (v. l.): Oliver Pade, Katja Moslehner, Rüdiger Maul, Fiona Rüggeberg, Niel Mitra und Stephan Groth.

Entscheidung am Donnerstag

"Faun" bei Vorentscheid zu Eurovision: Exoten aus Gräfelfing

Gräfelfing/Hannover - Die Mittelalter-Band Faun kämpft heute beim Vorentscheid des „Eurovision Song Contest“. Die Musiker aus Gräfelfing wollen im Mai nach Wien – und für Deutschland antreten. Ob das klappt? Mal sehen. Einen Exoten-Bonus haben sie allemal.

Update vom 5. März: Am Donnerstag wird es Ernst für "Faun" und sieben andere Interpreten beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Alle Interpreten und Songs beim ESC-Vorentscheid 2015 "Unser Song für Österreich" haben wir bereits zusammengefasst.

Das ist die Mittelalter-Gruppe Faun (v. l.): Oliver Pade, Katja Moslehner, Rüdiger Maul, Fiona Rüggeberg, Niel Mitra und Stephan Groth. Foto: dpa

„Wir sind die Exoten“, sagt Oliver Pade von der Band Faun. Und in der Tat: Wenn heute ab 20.15 Uhr in der ARD acht Kandidaten um den Startplatz für Deutschland beim „Eurovision Song Contest“, dem ESC, kämpfen, fällt die Mittelalter-Gruppe aus Gräfelfing bei München mit Wallekleidern und Wallemähnen aus dem Rahmen. Die Teilnahme beim ESC-Vorentscheid in Hannover sei für sie eine Überraschung gewesen, gesteht Pade. Und: eine Chance. Zwei Auftritte musste Faun für den heutigen Termin absagen – am 23. Mai steht aber nichts im Tour-Kalender. Da will die Band beim ESC-Finale in Wien punkten.

Der Musikstil von Faun nennt sich „Pagan-Folk“ – Mystik, Minnesang und Mittelalter schwingen mit. Die Mittelalterszene entstand in schon in den 1970er-Jahren aus der Folkwelle – einst gab es vor allem fahrende Handwerkermärkte mit selbstgemachten Waren aus Holz und Leder, einer Gemeinschaft und einem verbindenden Geist: den Tag und die Nacht unter freiem Himmel verbringen, viel in der Natur sein. Eine Rückbesinnung eben. Pade trommelte schon als Schüler in einer Gauklertruppe, später jonglierte er. Faun gründete er einst als Trio. „Wir wollten Texte transportieren und die Welt der romatischen Balladen erzählen“, sagt er. Und: nicht die Musik auf Dudelsack und Trommeln reduzieren.

Nach der ersten CD 2001 wuchs die Truppe dann auf sieben Mitglieder an – und auch die Szene wurde professioneller: Großveranstalter organisieren nun die Märkte. „Mittlerweile sind die Bands die Zugpferde“, so Pade.

Den Mittelalter-Trend erklärt er so: „Es ist heute keiner davor gefeit, stundenlang in einen Monitor zu starren.“ Die Sehnsucht nach anderem sei so natürlich, die damit verbundene Verklärung verständlich. „Wir wollen authentischen Geschichtsunterricht bieten.“ Das Konzeptalbum „Luna“ ist Fauns achte CD – und die zweite bei einer großen Plattenfirma. Die Intention und Liebe zu Mythen, Sagen und Märchen ist bis heute geblieben.

Manche Texte stammen aus der eigenen Feder, manche entdeckte die Band in der Bibliothek der Münchner Uni – oder über Kollegen, deren Großväter die Werke in Schubladen aufbewahrt hatten. Augen auf, Ohren auf, so lautet die Devise. Pade selbst hat Mediävistik, also Mittelalterforschung, in München studiert. „Wir lieben es, alte Texte zu verarbeiten – mal ein Eichendorff-Gesicht, mal einen Goethe“, schwärmt er. Genauso verwenden sie Schriften der Wikinger; auf „Luna“ findet man etwa ein Stück in Alt-Isländisch.

Dieser Entdeckungsdrang zeigt sich auch bei den Instrumenten: „Wir suchen stark nach außergewöhnlichen Klangfarben.“ Die Band verwendet Drehleier, Dudelsack und verschiedenste Flöten. In den schnelleren, archaischen Liedern arbeitet sie auch mit „Shaker“-Instrumenten und speziellen Trommeln.

Vor zwei Wochen tauschte Pade in Indien auf einem Festival mit Maultrommel-Kennern aus Norwegen und Sibirien Techniken aus. Er selbst spielt zudem keltische Harfe, irische und schwedische Laute sowie eine schwedische Schlüsselfidel, also eine Tastengeige. „Wir versuchen auch, Sinnfragen in der Natur zu finden“, sagt Pade. „Das führt so weit, das man sagen kann, es sind religiöse Komponenten drin.“ Die Nähe zum Kitsch ist freilich greifbar, doch „man merkt, dass wir das ernsthaft angehen – und nichts auf banale Liebeslieder reduzieren“. Zum Thema Mond vermieden sie romantische Mitternachtsballaden.

Mittlerweile müssen sie sich aber auch noch einer zweiten Kritik stellen: der des Ausverkaufs. „Es gibt Fans, die unsere Entwicklung persönlich nehmen“, sagt Pade. „Teilweise ist es allerdings auch ein Lob: Wenn man eine neue Plattenfirma hat, den Stil ein wenig ändert – und dann gibt es keine Resonanz? Das wäre trauriger gewesen. So sieht man, wie viel man den Leuten bedeutet. Wir haben ein eigenes Genre gegründet, in der Szene eine Nische geschaffen.“ Wasser auf diese Mühlen ist der ESC-Vorentscheid. Eine solche Chance konnte Faun nicht verstreichen lassen, somit hat die Band ihre Lieder den Statuten angepasst: „Hörst Du die Trommeln?“ bekam zusätzlich ein Trommel-Intro, „Abschied“ einen neuen Text.

Die Album-Version hatte ein Eichendorff-Gedicht als Grundlage. Pade erzählt: „Kürzlich haben wir in Fernsehstudios gespielt und waren uns einig: Das ist nicht unsere Welt. Wir standen mit unseren dekorierten Mikroständern und Holzinstrumenten auf einem Boden, den man als Spiegel benutzen konnte, weil er so hochpoliert war.“ Trotz aller Anstrengungen sei dies also nur ein Hineinschnuppern. Mehr nicht. Ihren Mittelaltermärkten bleiben sie treu.

von Angelika Mayr

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