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Das Probenfoto zeigt eine Szene aus dem Stück "Faust" mit (v.l.) Bibiana Beglau (Mephisto) und Werner Wölbern (Faust) am Residenztheater in München.

Premierenkritik

Faust am Resi: Die Abgründe des Menschseins

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München - Er ist der Klassiker: Goethes "Faust". Jetzt, nach 30 Jahren, ist die Tragödie zurück am Münchner Residenztheater. Eine Kritik.

Gott hat an diesem Abend keinen Platz: Mephistos Wette geht ins Leere, irgendwohin an die dunkle Decke des Münchner Residenztheaters. Eine Antwort gibt es nicht. Nicht am Anfang und schon gar nicht am Ende ist bei diesem „Faust“ auf den Allmächtigen zu bauen. Keine „Stimme von oben“ verkündet Gretchens Rettung. So es einen Gott geben sollte – hier hält er sich raus. In Martin Kušejs Inszenierung, die am Donnerstag Premiere feierte und nach 30 Jahren „Faust“ ans Residenztheater zurückbringt, müssen die Menschen ohne den Himmelsvater zurechtkommen. Und, ja, ihr Scheitern hat etwas Beruhigendes: „Es ist so gut, als wär’ es nicht gewesen“, stellt der Teufel am Ende fest. Ein bitterer Trost zwar, aber immerhin ein Trost.

Spannend ist die Perspektive dieses Theaterabends. Mephisto wettet hier einfach, auch wenn keiner in die ausgestreckte Hand einschlägt. Und die Gretchenfrage wird erst gestellt, nachdem Faust und das Mädchen nackt und erschöpft aus postkoitalem Delirium erwachen.

Kušej erzählt Goethes Drama als Drama der Menschheit, die längst keine Grenzen mehr kennt. Einer Menschheit, die weiter, immer weiter will, im Vergnügen, im Rausch, im Sex, im Streben nach Einfluss, Macht und Gewinn. Geil bis in den Untergang. Kušej nutzt „Faust“ für einen bitteren Kommentar auf unsere übersatte Gesellschaft. Denn was gilt es noch zu erreichen, wenn alles möglich ist? Wenn der Tanz zur ekstatischen Entäußerung wird, wenn man sich mit Drogen jederzeit wegschießen kann, wenn selbst der Osterspaziergang in eine Orgie mündet? Die Walpurgisnacht, dieses Wogen und Zerren und Beben der Instinkte, Lüste und Begierden – hier ist sie Alltag. Folgerichtig zieht Kušej die Szene an den Beginn seines drei Stunden langen Abends (eine Pause): Seht her, so leben wir. Denn sind nicht alle wie die Titelfigur stets auf der Suche nach dem nächsten Kick, dem nächsten Fick? „Das ist die Welt“, stellt Faust resigniert fest, bevor er sich mit einer Überdosis Schlaftabletten aus selbiger davonmachen will.

Einziger Bezugspunkt der Inszenierung ist der Mensch. Und das macht die Stärke, das Erschütternde dieses Abends aus: der Mensch, der keinen Teufel braucht, um teuflisch zu sein. Kušej zeigt das in vielen eindringlichen Bildern. Manches mag in seiner Überdeutlichkeit zu bemüht und daher naiv anmuten – etwa jene Szene, in der Faust und Mephisto ein Kind mit einem Sprengstoffgürtel um den zierlichen Leib in ein Haus schicken. Doch sehr viel häufiger ist die Regie subtiler und beweist, wie exakt hier gearbeitet wurde.

Da ist etwa gleich die erste Szene – und während Werner Wölbern als Faust seinen ersten Monolog spricht, ist sein Gesicht so fein ausgeleuchtet, dass die eine Hälfte diabolisch im Dunkeln liegt. Im Menschen ist Licht und Schatten, Gut und Böse. So banal diese Feststellung, so sehens- und bedenkenswert ist Kušejs Inszenierung, die mit kräftigem, theatralem Strich zeigt, wie rasch die Finsternis dominiert.

Aleksandar Denić, Frank Castorfs bewährter Bühnenbildner, hat dafür seinen großen, drehbaren Abenteuerspielplatz aus dessen Céline-Inszenierung „Reise ans Ende der Nacht“ aufgeräumt und noch hoffnungsloser gestaltet: Faust sucht Vergnügungen in einem düsteren Hinterhof, auf einem verlassenen Parkdeck (wo auf illegale Käfigkämpfe gewettet wird), zwischen Straßenlaternen, Puffs und Absteigen. „Das ist die Welt.“

Um Faust als Menschen unserer Zeit vorzuführen, als einen Mann zu zeigen, der alles erreicht hat, integrierte Kušej Passagen aus „Faust II“ in seine Fassung (dramaturgische Mitarbeit: Albert Ostermaier). Da klagen etwa Baucis und Philemon Faust an: „Ihn gelüstet unsre Hütte, unser Hain.“ Ihr Vertrauen in den „alten Gott“ nützt den beiden freilich nichts: In einer lauten, grellen Explosion zerreißt es sie ebenso wie ihr Haus.

Kušej hat die Titelrolle geschickt besetzt. Werner Wölbern zeigt seine Figur als einen von uns. Ein satter Wohlstandsbürger, überdrüssig seiner Möglichkeiten, der bei wildem Tanz abzuschalten versucht und sich auf Hinterhöfen die Fresse polieren lässt. Verzweifelt will dieser Faust noch irgendetwas fühlen – und sei es Schmerz. Den verschafft ihm Mephisto.

Maria Becker spielte einst, 1977, den Teufel an selber Stelle in Michael Degens Inszenierung. Kušej hat die Figur nun wiederum mit einer Frau besetzt. Wobei Bibiana Beglau so viel mehr ist. Immer wieder wanzt sie sich wie ein Tier an Faust heran, gurrt und schmeichelt, schnarrt und grunzt. Als Faust zu Beginn in den Spiegel blickt, schaut er in Beglaus Gesicht: Die beiden gehören zusammen – auch wenn die blutigen (Flügel-)Stümpfe auf ihren Schultern von himmlischer Herkunft künden.

Fast entschuldigend singt Beglau „Jealous Guy“, Bryan Ferrys Cover des Songs von John Lennon, als ihre Figur erstmals mit Faust spricht: „Ich wollte dir nicht weh tun, ich bin doch nur ein eifersüchtiger Kerl.“ Schließlich hat selbst der Teufel Gefühle. Später wird Mephisto in einem leisen, behutsamen Augenblick schildern, wie sich Gretchen nach Faust verzehrt und intoniert: „Wenn ich ein Vöglein wär’/ und auch zwei Flügel hätt’/ flög ich zu dir.“ Mit verletzt-sehnsuchtsvollem Blick nach oben verrät Beglau da, wie sehr der Gefallene auch von sich spricht.

Diese Ambivalenz zieht sich durch den Abend. Selbst Gretchen ist bei Andrea Wenzl nicht die reine Unschuld: Sie begehrt Faust. Am Ende stirbt sie blutüberströmt mit dem Messer in der Hand, mit dem sie an sich selbst eine Abtreibung vorgenommen hat. Faust und Mephisto sehen ihr beim Verrecken zu: „Rette sie!“, verlangt er, eher pflichtschuldig. „Wer war’s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder... ?“ Doch statt den Satz zu Ende zu sprechen, dreht Beglau sich um und schaut ins Publikum.

Es ist der vielleicht stärkste Moment an einem Abend, an dem Kušej und seine Schauspieler das Publikum bis an den Rand führen und in den dunkelsten Abgrund des Menschseins blicken lassen. Es ist an uns, mit dem klarzukommen, was wir schaudernd erblicken.

Großer Jubel für das Ensemble; zu Unrecht einige Buhs für die Regie.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 8. und 22. Juni sowie am 6., 10., 26., 28. und 29. Juli; Telefon 089/ 2185-1940.

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