Federleichte Komödie

- "Wolfgang, weißt du, was du da singst?" Viereinhalb Stunden hatte sich Hamburgs Premierenpublikum vor einem maßvoll widerborstigen Schwank in den Staatsopern-Sesseln geräkelt, hatte in den Pausen gegrübelt, ob dieser Konwitschny nun endgültig/endlich domestiziert worden sei. Oder ob diese "Meistersinger von Nürnberg" gar den Auftakt zum Altersstil eines einstigen Provokateurs und bedingungslos Werktreuen markieren.

<P>Doch jetzt, im Schluss-Monolog des Sachs, als der gerade von "deutsch und echt" parliert, wird die Musik unterbrochen, als sich von der Bühne Protest gegen "nationalistisches Gesinnungsgetöse" erhebt. Eine inszenierte Debatte zwischen den Sängern, auf den das um seinen Schlager gebrachte Auditorium prompt hereinfällt ("Wir sind doch nicht blöd"), bis sich Ingo Metzmacher übers Mikro meldet: "Takt 109 bitte." <BR><BR>Am Ende das übliche Buh-Programm bei Peter Konwitschny, das der Regisseur mit dieser finalen Flegelei provoziert hatte. Zu dumm, dass alle Welt übers letzte Bild sprechen wird. Denn entscheidend bleibt, was diese "Meistersinger" in den Akten zuvor boten: eine durch kaum Politisches angekränkelte, federleichte Komödie, die Wagners Stück vom zweifelhaften Ruf der deutschen Festoper par excellence befreite. <BR><BR>Konwitschny und sein Ausstatter Johannes Leiacker wagen das Schwerste: keine szenischen Krücken oder symbolschwangeren Elemente, dafür starke Konzentration auf die Figuren mit all ihren Macken und Nettigkeiten. Nur ein kleines Holzpodest vor gemalten Prospekten, das ist Theater in Extremreduktion und zugleich größter Intimität. Den Komponisten lässt Konwitschny in geklonter Vielfalt auftreten: Alle Meistersinger sehen aus wie Wagner (den der Regisseur damit zum Traditionshüter stempelt), der Eindringling Stolzing dagegen wie ein Meistermaler: Albrecht Dürer - eine Reminiszenz an den Ort der Handlung, spielt doch auch der erste Akt vor Gemälden des großen Nürnbergers. <BR><BR>Stolzing wird der Nimbus des lyrischen Säuslers genommen, derart stattlich scheint er ein Altersgenosse der Zunftführer, wobei ihm das Schwert bei kritischem Nachfragen ("Ist er ehrlich geboren?") recht locker sitzt. Dazu passt auch die große, steif geführte Stimme John Treleavens, der sich einzig auf der Festwiese Italianitá-Schmelz gestattet. <BR><BR>Posse ohne Putzigkeit <BR><BR>Obwohl Konwitschny das Werk ein gutes Stück Richtung Lortzing rückt, obwohl er vor Posse mit Hopsasa nicht zurückschreckt, driftet die Aufführung nie ins Putzige, wird auch keine Figur denunziert. Selbst Beckmesser nicht, den Hans-Joachim Ketelsen mit erstaunlich wandlungsfähiger Stimme als sympathisch-gespreizten Buchhalter gibt und der bei seinen Ständchen stets auf eine gewitzte, schöne Harfenistin vertraut. Doch dann verdüstert sich Konwitschnys Komödie, wird deutlich, dass auch diese fränkische Idealgesellschaft kippen kann. </P><P>Die Prügelfuge entgleist zur Verwüstung des Hintergrund-Prospekts, ein gefährlich loderndes Holzgerüst bleibt als Mahnung zurück. Und wenig später wird Sachs seinen "Wahn-Monolog" vor einem Bild des kriegszerstörten Nürnberg singen, bevor das Quintett in der Schusterstube einen utopischen Moment reinster Kunst andeutet - woran die hervorragenden Sänger auch einen großen Anteil haben. <BR><BR>Anja Harteros zum Beispiel (Eva) mit ihrem klangvollen Mozart-Sopran, der sich unforciert zu dramatischer Fülle weiten kann. Oder Katja Pieweck als sehr lyrische Magdalena, Jürgen Sacher als zupackender, manchmal etwas eng timbrierter David und Wolfgang Schöne, der seinen ersten Sachs als gelassenen, nie großväterlichen Humanisten gestaltete. Der (vielleicht auch durch seine Indisposition) kein Pathos polterte, sondern mit subtiler Deklamation überraschte, daher auch das "Deutsche, Echte" an der Gefahr nationalistischer Untertöne vorbeisteuerte. <BR><BR>Ebenso Ingo Metzmacher. Der hatte das Philharmonische Staatsorchester auf einen lustspielhaft frechen, wieselflinken Gestus eingestimmt, bevorzugte schon im Vorspiel straffe Tempi, mit denen der sonst tadellose und spielwütige Chor zuweilen Schwierigkeiten hatte. Metzmacher verblüffte indes mit dem Beweis, wie viel "Tristan" in dieser Partitur steckt - und wie wenig Markiges diese Musik benötigt. <BR><BR>Bis zur Festwiese offenbaren Konwitschnys "Meistersinger" freilich erhebliche Längen, wird deutlich, dass Wagners Opus über die Harmlosigkeiten deutscher Spielopern hinausreichen müsste. Ein wenig mehr hatte man schon von diesem genialen Überrumpler erwartet. Und als ob dies der Regisseur ahnte, gerät das Schlussbild zum Theatercoup. Die Festwiese wörtlich genommen: Hoch ragende Gräser als gemalter Hintergrund, die Zunftzeichen auf riesigen Löwenzahn-Blättern, ein Insektenballett, danach der herzlich Meister, Macken und Maskottchen belachte Einmarsch der Meister samt "Maskottchen" - es sind die Helden aller Wagner-Opern inklusive Schwan. </P><P>Das phonstarke Bild prangt also nicht wie ein deutschnationales Manifest, sondern verführt zum Schmunzeln als wirklich berührende, hinreißende Versammlung lauter Liebenswürdigkeiten. Den rabaukenhaften Einbruch des Thesentheaters hätte Konwitschny gar nicht nötig gehabt. Immerhin: Der Festwiese hat er den teutonischen Ballast ihrer Inszenierungsgeschichte genommen - das Beste, was diesem Stück passieren konnte. <BR></P>

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