Schrecklicher Unfall: Mann wird von U-Bahn mitgeschleift und stirbt

Schrecklicher Unfall: Mann wird von U-Bahn mitgeschleift und stirbt
Jugend im Fegefeuer der Inszenierung: Von links Edmund Telgenkämper (Gervasius), Christian Löber (Roelle), Çigdem Teke (Olga), Anna Maria Sturm (Clementine) und Marc Benjamin (Protasius). Foto: Julian Röder

Theaterkritik

„Fegefeuer in Ingolstadt“ in den Kammerspielen

München - Marieluise Fleißer, selbst gerade mal Anfang 20, hat in ihrem Dramenerstling „Fegefeuer in Ingolstadt“ (1924 geschrieben, 1926 uraufgeführt) junge Menschen wie kaum ein anderer ernstgenommen.

Eben nicht mit pädagogenfreundlichen Streicheleinheiten, sondern mit dem sezierenden Blick für Gutes und Böses, für Egoismus und Individualismus, Duckmäusertum und vernünftige Kompromissbereitschaft, für Suche nach geistigem Halt und Taumel. Und um diese Jugend herum hat sie holzschnittartig eine Welt von Erwachsenen gesetzt, die im Grunde genauso hilflos sind.

Susanne Kennedy (Jahrgang 1977), die als Regisseurin vor allem in den Niederlanden wirkt, hat das Drama gekürzt, Figuren gestrichen und eine Prise Fassbinder, der Fleißer verehrte, dazugegeben. Gerade das oft zwanghafte Eingebettetsein von Jugendlichen in die eigene Gruppe fällt damit weg. Der gesellschaftliche Großraum, der bei Fleißer stets (bedrohlich) im Hintergrund steht, wird fast ausgelöscht. Die Schriftstellerin (1901-1974), die nach Erfolgen in den 20er-Jahren aus persönlichen Gründen verstummte, in der Nazi-Zeit verstummen musste und in den frühen 70ern furios wiederentdeckt wurde, fordert anderes. In „Fegefeuer“ balanciert sie auf des Rasiermessers Schneide von Realismus und Expressionismus, Naturalismus und Groteske: Gerhart Hauptmann trifft Karl Valentin, Ludwig Thoma trifft Georg Kaiser – in solch gewagten Gefilden bewegte sich Fleißer schlafwandlerisch sicher. Deswegen sind die Stücke schwer zu inszenieren.

Kennedy, der außer Anna Marie Sturm (Clementine) keine Bairisch sprechenden Schauspieler zur Verfügung standen, benutzt das Dialektelement des Textes nur noch als Verfremdungseffekt. Wie sie überhaupt ihre gesamte Inszenierung auf ihn aufbaut. Selbst der weiße Zimmerkasten mit Fenster, Tür und kleinem Kruzifix (Bühne: Lena Müller) wird mit einem Film von diesem Zimmer, der darüberprojiziert ist, vom Zuschauer distanziert. Noch fremder die Schauspieler, die cremeweiß geschminkt sind, seltsame Frisuren und Kleider tragen: ein wenig 20er-Jahre, ein wenig 70er, ein wenig irgendwas (Kostüme: Lotte Goos). Die Figuren arrangiert die Regisseurin zu lebenden Bildern mit abgezirkelten Bewegungen und bei Çigdem Tekes Olga mit rollenden Augen.

An ihr entzündet sich die Geschichte. Die schöne Lateinschülerin ist etwas Besonderes, ist begehrt – eben auch von dem gemobbten Roelle. Er erpresst sie mit ihrer Schwangerschaft (blöd der Kunst-Riesenbauch für Teke) und dem Abtreibungsversuch. Die beiden zerfleischen sich in Abstoßung und Anziehung. Was bei Kennedys Konzept zunächst angenehm wirkt, die expressive Verfremdung, stellt sich nach und nach als Langeweilefaktor heraus. Denn die in die Regieidee eingemauerten Figuren interessieren immer weniger. Sie sind nur Schaustücke. Außerdem: Fleißers Sprache, dieses stilisierte Bairisch, können sie nur als Peitschen vor sich hertragen, damit aber nicht zuschlagen. Die Spannung wird obendrein zerhackt von vielen „Schwarzblenden“ mit Dröhnklang. Dann gibt es noch den abgedroschenen Einfall von Textwiederholungen, den Kennedy am Schluss zur Gebetslitanei auswalzt: ein wohlfeiler Trick, um Buhs zu kassieren. Das macht aber noch lange keine relevante Regie aus.

Die Not der Menschen, die Sehnsucht und dass daraus Bosheit entspringt, all das lässt uns diese Inszenierung nicht spüren. Das „Fegefeuer in Ingolstadt“ ist ausgetreten, es glimmt nur noch schwach. Das liegt auch an Olga, der Çigdem Teke und die Regisseurin keine Faszination verschaffen können. Ähnlich schwer fällt es Anna Maria Sturm , Clementine Statur zu geben, immerhin kann sie auf ihren bairischen Duktus setzen. Sichtlich wohl fühlen sich Edmund Telgenkämper und Marc Benjamin als die schrägen Typen Gervasius und Protasius. Fein ziseliert platzieren sie Komik und Gemeinheit – zwei Clowns des ganz normalen Wahnsinns. Die meiste Aufmerksamkeit erspielt sich Christian Löber als Roelle. So spannend – zwischen aasig und weinerlich – wie er den Außenseiter zeichnet, hätte die Inszenierung sein müssen. Nur er balanciert recht gut auf Fleißers Messerschneide.

Nächste Vorstellungen am 12., 17., 24. Februar,

Tel. 089/233 966 00.

Simone Dattenberger

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