Fehlende Hitze unterm Eis

- Unter den Brücken ist es feucht, dreckig und oft kalt - auch wenn wir uns in Florida befinden. "Paradise Island" - allenfalls als bitteren Spott muss man den Namen dieses Ortes verstehen: Hierher hat sich der Puertoricaner Willie zurückgezogen, in die letzte verteidigte Zuflucht im Norden, in den auch er einst in der Hoffnung auf ein besseres Leben kam. In nur 25 Minuten zeichnet die Münchner Filmstudentin Andrea Thiele mit wenigen präzisen Strichen ihr eindrückliches Porträt dieses Obdachlosen im Überlebenskampf. Erstaunliche Intimität stellt sich ein, dabei bleibt der Film immer angenehm lakonisch; ein Beispiel für die Tugend des Hinschauens ohne voreilige Kompromisse - ein unerwarteter Höhepunkt bei den 39. Hofer Filmtagen.

Wer im Kino vor allem nach Intensität sucht, wurde zuletzt oft von Dokumentarfilmen am Besten bedient. Auch in Hof war es kein schlechtes Auswahlkriterium, im Zweifel eine Dokumentation zu sehen. Und zwar nicht, weil an der Allerweltsweisheit, dass das Leben noch immer die besten Stoffe liefert, besonders viel dran wäre, sondern, weil der dokumentarische Blick offenbar zu Genauigkeit und gleichzeitig zu filmischem Einfallsreichtum erzieht. Ein Essayfilm erntete zu Recht viel Applaus: In "Ich Dich auch" nähern sich die Berliner Philosophin Christiane Voss und die Filmemacherin Katja Dingenberg den verschiedenen Facetten der Liebe: Sie porträtieren verliebte Paare, langjährige Ehen, Geschiedene und kreuzen derlei Einblicke in die satte Empirie mit distanzierend-ironischen Kommentaren von Experten, zu denen "die Philosophin" genauso gehört, wie eine Scheidungsanwältin und ein Neurobiologe. Der Film besticht durch seine frische Herangehensweise.

Selbstzerstörung in der Familie

Viel dokumentarische Erfahrung hat Aelrun Goette. Nach dem Erfolg ihrer erschütternden Filme "Ohne Bewährung" und "Die Kinder sind tot" handelt auch Goettes erster Spielfilm "Unter dem Eis" von familiären Abgründen und roher Gewalt. Es beginnt recht gut mit einem bürgerlichen Tableau: pflichtbewusste Mutter, süßer Sohn, Polizisten-Vater. Doch eines Tages tötet der Sohn aus Versehen ein Nachbarskind, die Mutter vertuscht die Tat. Mit dem Gleichgewicht der Familie kippt auch der Film, denn die Regisseurin zeigt sich dem Problem, Trauer exakt zu beschreiben und Menschen in Extremsituationen zu zeigen, nicht gewachsen. Im Spielfilm ist Glaubwürdigkeit keine dokumentarische Korrektheit, sondern subtile Überzeugungsarbeit. Unter dem Eis bürgerlicher Verhältnisse muss noch Hitze stecken, sonst lässt es zu kalt.

Weitaus besser gelang Eoin Moores "Im Schwitzkasten". Bei diesem Ensemblefilm, bei dem vor allem Laura Tonke und Edgar Selge im Gedächtnis bleiben, handelt es sich um die wohl erste deutsche Arbeitslosenkomödie. Neben ein paar sehr dichten Momenten, bei denen einem sogar Billy Wilder einfallen konnte, bestach der Film mit Gegenwärtigkeit. Wen es trotzdem nach noch mehr Intensität verlangt, der konnte eher im Ausland fündig werden, etwa in James Tobacks Femme-Fatale-Drama "When I Will Be Loved". Oder in "Snow White" vom Schweizer Samir: Glamour und Engagement treffen sich in diesem aufrüttelnden Drama um ein reiches armes Mädchen. Mit viel Sinn für Bilder und mit manchen Anleihen an Larry Clark und Mike Figgis bringt Samir seine bürgerlichen Milieus zur Implosion. Auch Zürich kann sehr kalt sein.

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