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Dieter Wedel

"Fehler machen wir alle"

München - Regisseur Dieter Wedel spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Christian Wulff, die Rolle der Medien in dieser Affäre und wie ein Film darüber aussehen könnte.

Er nahm die deutsche Bürokratie filmisch aufs Korn und fand die Geschichte des Millionenbetrügers Jürgen Harksen so spannend, dass er daraus einen Zweiteiler über die Verführbarkeit des Menschen durch vermeintlich traumhafte Renditen machte. Aber auch wenn in Deutschland Skandale aufgedeckt werden – zumeist um Politiker oder sonstige Prominente –, denkt sich Autor und Regisseur Dieter Wedel (69) den passenden Plot dazu aus. Grund genug ihn zu fragen, ob er nicht auch zum Schicksal von Christian Wulff, der bereits in seinem Film „Mein alter Freund Fritz“ mitwirkte, eine Filmidee hat.

Eignet sich der Fall Christian Wulff nicht sehr für eine Verfilmung? Der Ex-Bundespräsident als Prototyp des Politikers, der mitnimmt, was er bekommen kann?

Moment mal, ist das nicht die Haltung eines ganzen Volkes? Eine Gesellschaft, die den Werbespruch „Geiz ist geil“ wunderbar findet und eigentlich immer nur auf Schnäppchenjagd ist, müsste doch dafür Verständnis haben, wenn ein Spitzenpolitiker sich genauso verhält.

Eine große Mehrheit der Bundesbürger missbilligt Wulffs Verhalten aber entschieden...

Das war nicht von Anfang an so. Dass viele Bürger ihre Meinung geändert haben, hat einmal mit dem Verhalten des Ex-Bundespräsidenten zu tun, der Fehler nur scheibchenweise einräumte, und sicherlich auch mit einer Berichterstattung, die statt zu differenzieren lieber gleich skandalisierte. Ich meine, es muss einen Unterschied geben zwischen einem Fehler, einer Verfehlung und einem Verbrechen. Fehler machen wir alle, und es ist die Aufgabe der Medien, diese Fehler bei Politikern aufzudecken. Wenn sie das nicht täten, kämen sie ihrer Aufgabe nicht nach. Ich habe aber den Eindruck, dass sich in letzter Zeit möglicherweise auch durch das Internet der Ton spürbar verschärft hat. Das haben im vergangenen Jahr Rainer Brüderle, Guido Westerwelle, Karl Theodor zu Guttenberg und in den letzten Tagen ja sogar auch der designierte Bundespräsident zu spüren bekommen.

Der Hauskredit vom Unternehmerfreund Egon Geerkens, um nur ein Beispiel zu nennen – nur eine lässliche Sünde?

Nehmen wir mal an, ich wollte die Geschichte wirklich verfilmen – was ich auf keinen Fall werde, um das nochmal klar zu stellen – welche Szenen würde ich mir für den Beginn ausdenken? Da gibt es einen Politiker in der Midlifecrisis, der eine sehr attraktive junge Frau kennenlernt, plötzlich noch mal ein neues Leben beginnen will und seine Ehefrau, als er erfährt, dass er nun auch noch Vater wird, um die Scheidung bittet. Die gelingt dem Ehepaar lautlos, aber sie würde ihn bei mir im Film teuer zu stehen kommen. Er hat nun die junge schwangere Frau, einen guten Posten, aber keine Rücklagen mehr. Durchaus denkbar, dass er einen begüterten Freund um ein Darlehen oder eine Bürgschaft bittet, um für seine neue Familie ein Haus zu erwerben. Möglicherweise bietet der väterliche Förderer auch von sich aus die Bürgschaft an oder meinetwegen auch ein Darlehen. Das ist ein rein privater Vorgang, der die Öffentlichkeit nichts angeht. Es sei denn, es würden im Zusammenhang mit dieser Bürgschaft oder diesem Darlehen irgendwelche politischen Gefälligkeiten geschehen.

Sie sprechen Christian Wulff in allen Punkten frei?

Nein. Ein Politiker darf sich natürlich nicht erlauben, was sich jeder Normalbürger erlauben darf. Und diesen Grundsatz hat Christian Wulff verletzt. Trotzdem fehlt mir bei der Beurteilung seiner Person das Augenmaß. Bei einer der ersten Talkshows über den Fall Wulff hat der Grüne Jürgen Trittin die Tatsache, dass Wulff eine geschäftliche Beziehung zu seinem väterlichen Förderer vor dem niedersächsischen Landtag bestritten hat, als entschuldbaren Fehler bezeichnet. Und Trittin ist gewiss kein politischer Freund von Wulff. Zwei Monate später hat Karl Lauterbach von der SPD in einer Talkshow, in der ich selber gesessen habe, denselben Vorgang als unentschuldbares Vergehen bezeichnet. Was ist da geschehen, dass zwei Politiker dasselbe Verhalten so unterschiedlich beurteilen? Hat das vielleicht auch mit der wochenlangen Berichterstattung zu tun, der ja keiner von uns sich entziehen konnte, und bei der immer wieder jeder einzelne Vorgang wiederholt und manchmal auch durch die Wiederholung skandalisiert wurde?

Wenn Sie also einen Film über diesen Fall drehen würden...

...was ich auf keinen Fall tue!

Aber wenn, dann würde der mindestens so sehr von den Medien handeln wie vom Politiker?

Eine Form von Journalismus, die sich als vierte Gewalt im Staate empfindet, böte sicherlich Stoff für einen Film. Dieser Film würde allerdings vermutlich unter besonders strenger journalistischer Beobachtung stehen. (Lacht.) Ein Showdown wie im Western – eine Art Duell zwischen einem hohen Politiker und dem Chef einer großen Zeitung – das fände ich spannend.

Gibt es aus Ihrer Sicht zu wenige Politthriller im Fernsehen?

Leider ja! Es gibt so tolle Geschichten, aber ich höre von den Programmverantwortlichen, dass viele Zuschauer sich sofort abwenden würden, wenn in einem Film das Wort Politik vorkommt. Ich kann mir das nicht vorstellen. Wenn uns im Fernsehen ein ähnlich guter Film gelingen würde wie das im Kino George Clooney mit den „Iden des März“ gelungen ist – eine spannende, menschlich zutiefst bewegende Geschichte – dann hätten wir bestimmt auch für einen Politthriller im Fernsehen eine hohe Einschaltquote.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann

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