Feier des Daseins

- Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Nach einigen Winterwochen wächst die Sehnsucht nach Farbe, nach dem sommerlichen Licht des Südens, nach seinen seligen Gefilden und Gestaden. In angemessener Höhenlage über dem oft neblig trüben Neckartal, in der Tübinger Kunsthalle, versammelte jetzt Götz Adriani gemeinsam mit dem Münchner Kunsthistoriker Christian Lenz über 80 Gemälde und knapp 40 Aquarelle Hans Purrmanns (1880-1966) zu dessen 40. Todestag.

"Im Kräftespiel der Farben strahlt das Licht der Schöpferstunde schön wie noch nie." Hermann Hesse

"Im Kräftespiel der Farben" beobachtete Hermann Hesse 1953 in einem Gedicht für den ebenfalls in Montagnola lebenden Freund die Entstehung eines der damaligen Selbstbildnisse Purrmanns: ruhig und fest im Blick wie  stets,scheinbar verschlossen, doch unruhig im Sinne Cézannes, seines immerwährenden Vorbildes, das Inkarnat des Gesichts über dem füllig gewordenen Körper. Aufgezeigt wird der Weg des aus Speyer stammenden Pfälzers von der frühen, um 1900 in München und dann in Berlin kultivierten Verehrung für Slevogt und Corinth hin zu den Jahren der Pariser Erweckung durch Matisse und Cézanne seit 1905.

Doch Purrmann folgte seinem Lehrer und Freund Matisse, so wird in Tübingen jetzt schlüssig dargelegt, nicht ins abstrahierend Dekorative. Er blieb fortan beim "System Cézanne", mit der Energie des Plastischen: "Denn die Kunst liegt nicht im Inhalt, sondern im Zusammenwirken von Farbe, Ton und Kontrast." Eine "satte und volle Malerei" kultivierte er bis zuletzt, "klangvollen Harmonien untergeordnet", frei vom Intellekt des Hintergründigen, Konstruierten oder gar Okkulten, ganz und gar dem Sichtbaren hingegeben und der Feier des Daseins, fern vom forcierten Subjektivismus der Expressionisten, ohne sich "von dem überwältigenden Licht des Himmels oder der Natur zu allzu hellen Farben hinreißen zu lassen".

Im großen Saal der Tübinger Kunsthalle ist in den langen Reihen der Bodensee-Landschaften, wo Purrmann lange wohnte, der Interieurs und Stillleben die Plastizität des Räumlichen in der Klangfülle der Farben gleichsam mit Händen zu greifen. Alles, was in Berlin entstand, wirkt daneben spröde und winterlich kahl.

Purrmanns tätige Kontemplationen, sein souveräner Blick fürs Bestimmbare münden in den beiden oberen Sälen und seitwärts, stets an Orten der Ruhe, in die Permanenz des Bekenntnisses zur Harmonie des Klassischen. Seine weiblichen Akte und Porträts demonstrieren das. Die wiederkehrende Aktualität des Schönen mag dort, wo die Lust am Untergang zu Destruktionen führte, als Provokation empfunden werden. Wer sich ins "Kräftespiel der Farben" hineinbegeben möchte, möge sich einüben bei den Aquarellen. Es offenbart sich in den Lichtgründen eine stets sicher zeichnende, behände Handschrift.

Bis 23.4., Philosophenweg 76, Mi.-So. 11-18 Uhr; Katalog 24,80 Euro; Tel. 07071/ 969 10.

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