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Selbstfindungsprozess vor originalen Gemälden: Marianne Crebassa als singende Charlotte (li.) und Johanna Wokalek als sprechende Charlotte in der Festspiel-Inszenierung von Luc Bondy.

Salzburger Festspiele

Feier der Farbe

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Salzburg - Ein jüdisches Künstlerinnenschicksal: Uraufführung von „Charlotte Salomon“ in der Felsenreitschule.

Das „E“ macht den kleinen großen Unterschied. Ein „Singespiel“, so etwas kennt die Bühne gar nicht. Weil es sich hier auch um kein Musiktheater handelt, sondern um Genrefremdes – und auch um etwas ganz anderes: um eine Selbstfindung. In Frankreich, auf der Flucht vor der braun gewordenen Heimat Deutschland, begann die Jüdin Charlotte Salomon zu malen. Und entdeckte, dass ihr beiläufiges Singen plötzlich zur Bedingung des Schaffens wurde, mit dem sie die Geschichte ihrer Familie aufarbeitete. Die Musik beeinflusste den Pinselstrich und umgekehrt: In einer Art Rausch entstanden in 18 Monaten über 1300 Gouachen, teilweise mit Wortzitaten versehen. Ihr „Singespiel“ nannte sie das.

Was das alles mit Oper zu tun hat? Viel, wie diese Uraufführung bei den Salzburger Festspielen sagt. Nicht nur, weil Bild und Klang sich in den Gemälden von Charlotte Salomon durchdringen – die ureigenste Domäne der Oper ist das ja. Sondern auch, weil das Musiktheater mit Gleichzeitigkeit und Parallelität, mit Handlung und Subtext naturgemäß jongliert.

Eine tönende, linear erzählte Biografie ist „Charlotte Salomon“ nicht. Die Titelheldin als Subjekt und Objekt ihrer Geschichte, dazu die Frage, ob alles real oder nicht doch künstlerische Fiktion ist, das trieb Komponist Marc-André Dalbavie, den 53-jährigen Franzosen, und Librettistin Barbara Honigmann, 65-jährige Schriftstellerin aus Berlin, zu einem sehr subtilen Opus. Mit einer doppelten Titelheldin wartet ihre Hommage in der Felsenreitschule auf, mit Charlotte unter ihrem echten Namen als Deutsch sprechende Evangelistin ihres eigenen Leidensweges, und eben als Französisch singende Teilnehmerin der Handlung unter ihrem Fantasienamen Charlotte Kann.

Dank der Stiefmutter, der Sängerin Pauline, wird für Charlotte die Musik zum Lebensmittel, das nährt sie später auch im Exil. Dalbavie nutzt das auf seine Weise: Das Zitat wird zum Klang-, die Montage zum Strukturprinzip. Angefangen von der zugespielten „Carmen“-Habanera aus dem Jahre 1929, gesungen von der echten Paulina Lindberg, über Bach bis zum Horst-Wessel-Lied. Manchmal, beim Aufglimmen eines Schubert-Lieds oder beim Kinderreim, ist das berührende Utopie und unwiederbringliche Schönheit, manchmal, im „Erkennen Sie die Melodie“ für Eingeweihte, auch penetrant. Dalbavie maskiert sich dabei bis zur Unkenntlichkeit mit dem Fremdmaterial. Er, der vorsichtige Experimentator, braucht das eigentlich gar nicht.

Die Liebe Charlottes zum Gesangslehrer Amadeus Daberlohn markiert einen Schnitt. Dalbavie verzichtet nun auf Rückgriffe und zieht sich meist auf die Rolle des Klangflächenorganisators zurück. Eine Musik hinter einem Gazeschleier aus Melancholie, eine Partitur mit Trauerflor. Eine Feier der Farbe und der Nuance. Nicht zu komplex, in ihren Zutaten nachvollziehbar, immer auf Sichtweite der Tonalität. Trotz großer Besetzung (Dalbavie steht selbst am Pult des Mozarteum-Orchesters) ist alles im Gestus einer Kammeroper gehalten. Bescheiden könnte man das nennen, angemessen, mit zunehmender Dauer aber, wenn sich die Substanz ausdünnt und die Musik nur mehr um wenige Stilmittel wie eine absteigende Ganztonreihe kreist, auch problematisch.

Gleichwohl: Das vorsichtige Beleuchten der Künstlerin bringt einem Charlotte Salomon/Kann tatsächlich näher. Eben weil kein hyperkomplexes Konzept dahintersteckt. Entscheidenden Anteil am Stück hatte Regisseur Luc Bondy. Auf dessen Anregung wurde Librettistin Barbara Honigmann geholt, nachdem sich die Arbeit mit dem Vorgänger Richard Millet festgefahren hatte.

In der Zimmerfluchten-Reihe (Bühne: Johannes Schütz), deren Zwischenwände heraus- und hereingezogen werden, entwickelt Bondy ein behutsames, kluges Kammerspiel. Immer wieder sind Charlottes Gouachen als Projektionen zu sehen. Die braunen Schergen brechen gelegentlich ins Geschehen ein. Doch wichtiger ist Bondy die Charakterisierung Charlottes und ihrer Angehörigen – eine Familie, in der Selbstmord fast zur Alltäglichkeit wird. Eine Spurensuche, eine Aufarbeitung persönlicher Traumata ist diese Inszenierung (und das Stück), keine politische Anklage, kein groß dimensionierter Schulfunk. Mit seinen Solisten erreicht Bondy das Ideal: Der Regisseur ist nicht mehr zu spüren. Marianne Crebassa singt Charlotte 1 mit herbem, ausgreifendem Mezzo, Johanna Wokalek ist als Charlotte 2 lakonische, leicht unwirsche Dokumentarin ihrer selbst. Anaïk Morel (Paulinka), Frédéric Antoun (Amadeus) und Cornelia Kallisch (Frau Knarre) seien stellvertretend für dieses grandiose Ensemble genannt.

Als Charlotte endlich zu sich findet, agieren beide Darstellerinnen eine Zeit lang in innigster Zweisamkeit, bevor die Perspektiven wechseln. Johanna Wokalek beginnt zu singen, Marianne Crebassa zu sprechen. Der (angebliche?) Mord am Großvater ist nicht der letzte. Projizierte Schreibmaschinenzeilen künden von Charlottes Ende in Auschwitz. Im Libretto steht das so nicht. Sprachlos macht dieser Moment, zu dem der Musik nur Eines bleibt: Sie versickert in der Stille.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen: 2., 7., 10. und 14. August; Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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